Im Film-Himmel – Tag 1: Die Blechtrommel

Liebe Gemeinde, mit diesem Text trete ich meinen Weg in den Himmel an… Also es gibt halt noch sieben Texte, bevor ich mich in die Blogpause verabschiede. Sieben Tage lang arbeite ich meine „Pile of Shame“-Liste ab und schaue die großen Streifen der (auch etwas neueren) Filmgeschichte. Den Anfang macht der deutsche Klassiker von Volker Schlöndorff, nach dem Roman von Günter Grass und Oscar-Gewinner 1980: Die Blechtrommel!

Zwei Disclaimer vorne weg: Nr. 1 – Ich habe das Original-Buch nie gelesen und kann somit keine Vergleiche ziehen. Nr. 2 – Ich habe den Director´s Cut geschaut und kann damit auch nichts zur Original-Version sagen. Das aber nur als kleine Info, lasst uns lieber über den Film diskutieren. In „Die Blechtrommel“ geht es um Oskar, der mit 3 Jahren das titelgebene Instrument geschenkt bekommt und kurz darauf beschließt, nicht mehr zu wachsen. Das betrifft in erster Linie seine Größe, aber auch geistig zeigt er zumindest seiner Familie keinen Fortschritt, während er aber im Gedanken und bei anderen deutlich erwachsener wirkt. Ebenso besitzt er die Fähigkeit, so laut (und nervig) zu schreien, dass jegliches Glas zersplittert. Dazu kommt noch eine Dreiecksbeziehung zwischen seiner Mutter und den zwei potenziellen Vätern und als wäre das alles noch nicht genug, ist die Story auch noch in Danzig angesiedelt zur Zeit des Nationalsozialismus. Die immer fortlaufende Geschichte entwickelt zu Weilen sehr surrealistische und groteske Züge. Gepaart mit der hochbrisanten Zeit, könnte sich daraus ein verdammt guter Film entwickeln, was er ja auch in den Augen der meisten Kritiker*Innen ist. Meine Wenigkeit hat auf das Werk jedoch eher zwiegespalten reagiert.

Für mich muss man den Film in zwei verschiedene Teile trennen: Das zeitliche Dokument und die eigentliche Geschichte rund um Oskar. Die Inszenierung vom aufkommenden Nazi-Deutschland interessiert mich in so ziemlich jedem Film, wo dieser thematisiert wird. In dieser Disziplin, den Terror im Großen und Ganzen im Blick zu behalten, ohne die Schuld jeden einzelnen Mitläufers nicht zu vergessen, ist „Die Blechtrommel“ fast schon eine eigene Klasse. Sinnbildlich in der Figur von Mario Adorf, aber auch in vielen kleinen Nebensträngen, wird die (Un-)Menschlichkeit jener Zeit pointiert auseinander genommen. Dabei scheut der Film nicht davor zurück, verschiedene Ansätze zu wählen. Ist der Tod des jüdischen Spielzeughändlers sehr tragisch mit anzusehen, kann man die Szene des Nazi-Aufmarsches inkl. „An der schönen, blauen Donau“ schon fast als Satire a lá „The Producers“ bezeichnen. Auch in späteren Teilen wird ein besonderer Blick auf die „normale“ Bevölkerung gelegt und dem Versagen der Menschlichkeit in fast allen Bereichen. Betrachtet man den Film als ein solches Zeit-Dokument, durch die Augen des Außenseiters Oskar, dann kann der Streifen zur Höchstform auflaufen und bietet zumindest für alle, die sich dafür interessieren, spannende Unterhaltung. Aber da wäre ja noch die Geschichte um unseren Protagonisten.

Oskar will nicht mehr wachsen, schreit Gläser zu Bruch, trommelt die ganze Zeit (zum eh schon überdrehten Soundtrack), es gibt eine Menge Szenen mit sexuellen Inhalt, Familientragödien, komische Shows mit Kleinwüchsigen – Kurz: Vieles längt vom interessanten ab. Natürlich kann man sich die Frage stellen „Was hat sich der Autor dabei gedacht?“ und zumindest in meiner Interpretation, soll der Zuschauer die menschlichen und geschichtsträchtigen Krisen durch die Augen vom Sonderling Oskar sehen, der durch seine Entscheidung nicht mehr zu wachsen, sich vom erwachsen werden löst und somit das ganze Spiel quasi von der Seitenlinie aus betrachten kann. Eigentlich eine gute Idee, aber zumindest der Film hat damit ordentlich Probleme einen Fokus zu finden und somit wirken viele Szenen einfach nicht relevant. Die Familiengeschichten haben mich ebenso wenig bei Laune gehalten, wie Oskars Lebensweisheiten aus dem Off. Dazu kommen immer wieder groteske Szenen, die zwar Interesse wecken können, aber den Film noch zersplitternder wirken lassen. Würde das Ganze nicht in einer hochbrisanten Zeit spielen, hätten wir einfach nur eine merkwürdige Grundidee im Familiendrama-Setting.

Am Ende hat „Die Blechtrommel“ bei mir nicht den größten Eindruck hinterlassen. Technisch muss ich noch sagen, dass Schlöndorff die Literaturverfilmung bildgewaltig und dynamisch inszeniert und auch die Bluray hat hier wahrscheinlich ordentlich was rausgeholt. Die Ausnahme davon ist der Ton, da versteht man mehr als einmal Stimmen nicht, weil Sound und Geräusche viel zu laut sind. Man ist es ja gewohnt, immer mal wieder den Ton anzupassen, aber hier ist es wirklich extrem gewesen. Inhaltlich kann man den Umgang mit dem Zeit-Kontext hervorheben und die cleveren Beobachten der „einfachen Menschen“ vor und während der NS-Zeit. Nur die Grundgeschichte um den Jungen der nicht wachsen will und seiner Familie, hat mich einfach nicht bekommen, auch wenn ich die Hintergründe zumindest für mich interpretieren kann. Diesen Klassiker der deutschen Filmgeschichte sollte man aber trotzdem unbedingt gesehen haben, nicht nur wegen dessen Bedeutung, sondern weil man am Ende wahrscheinlich, zumindest halbwegs, zufrieden den Fernseher ausmacht. Vorausgesetzt, man kommt auch mit dem ein oder anderen grotesken Moment klar.

9 Comments

      1. An die ein oder andere Szene kann ich mich noch erinnern… das war es aber auch.

        Darfst ruhig Alterswitze machen. Ich muss keine 30 Jahre arbeiten um in Rente zu gehen 😉

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