Kritik: Tenet

Lange habe ich es aufgeschoben, jetzt konnte ich mich doch dazu durchringen ein paar Worte zu Christopher Nolans neuem Werk „Tenet“ zu schreiben. Die Gedanken nach meiner Erstsichtung könnt ihr in Folge 40 der Kinotagesstätte nachhören, diese Zeilen tippe ich dagegen nach meinem zweiten Kinobesuch.

Spoilerfrei: Bumm! Scharch. Bumm!

Wenn man die Batman-Filme weglässt, dann kann man wirklich davon reden, dass Chris Nolan einen Lauf hat. „Inception“ und „Interstellar“ gehören zu meinen absoluten Lieblingsfilmen und „Dunkirk“ war damals mein Film des Jahres und das sogar vor „Blade Runner 2049“! Dementsprechend waren meine Erwartungen hoch an den neuen Nolan-Streifen. Mindestens genauso hoch war meine Vorfreude, denn immerhin war „Tenet“ mein erster Kinobesuch in Zeiten von Corona. Wie könnte man das besser feiern, als mit einem Nolan-Action-Gewitter mit der gewissen Prise Niveau und Mindfuck. In dieser Hinsicht ist der Regisseur und Autor schon fast berechenbar geworden, denn genau diese Kost wird einem vorgesetzt. Noch mehr als früher, liegt der Fokus aber auf dem Action-Part. John David Washington spielt als „Protagonist“ quasi seinen eigenen James Bond-Plot nach. Er kommt zu einer Geheimorganisation und muss fortan einen bösen russischen Waffenhändler aufhalten. Das Ganze selbstverständlich an den hübschesten Orten der Welt gedreht wurden und wie sagt man so schön „der Weg zu einem Bösewicht geht nur über das Herz einer Frau“. Oder so ähnlich. Die erste Hälfte hat so viele 007 Momente, dass ich schon fast von einer dreisten Kopie sprechen würde. Aber ist diese „Kopie“ wenigstens gelungen? Naja, zum Teil. Wie beim großen Vorbild, sind die Sets überall auf der Welt wunderschön anzusehen und wenn es dann mal zur Sache geht, dann können die Action-Sequenzen auch überzeugen. Leider werden diese Szenen durch belanglose Dialoge überbrückt. Die laufen dann in etwa so ab:

„Hi, ich wüsste gern wo der Bösewicht ist“.

„Versuchs doch mal in Finnland?“

„Alles klar, schönen Tag“.

Ungefähr so könnt ihr euch die erste Hälfte des Films vorstellen, nur dass diese Dialoge unfassbar gedehnt werden. Auch wenn einzelne Szenen überzeugen können (z.B. alles im Flughafen), ist die erste Halbzeit ziemlich zäh geraten. Aber Nolan wäre nicht Nolan, wenn er nicht noch was in der Hinterhand gehabt hätte.

Spoiler: Die Zukuuunft

Über die gesamte erste Hälfte schwebt das Rätsel der invertierten Waffen, welche scheinbar in der Zeit zurück schießen. Dieses Rätsel nimmt auch wirklich erst Fahrt auf, nach dem Showdown in Estland, wenn wir beginnen, den Film nochmal zu erleben. Ab diesem Zeitpunkt beginnt die Zeitthematik richtig zu wirken und natürlich werden in diesem Re-Run nicht die Dialoge nochmal besucht, sondern das „Best of“ der vergangen Minuten. Das alles mündet in einem riesigen Action-Finale, dass wie bei einem guten Videospiel, beim letzten Kampf nochmal alles abruft, was man so in dem Film bisher gelernt hat. Wer bisher nicht richtig aufgepasst hat, wird spätestens hier ordentliche Kopfschmerzen bekommen. Auch wenn das finale Setting eher „austauschbare Call of Duty Wüstenlandschaft Nr 3“ heißen könnte, zieht die Action mit den verschiedenen Invertierungs-Trick, zumindest mich in seinen Bann. Abgerundet wird das Ganze durch die ruhigen Gegenschnitte zum anderen Hotspot. Zwar wissen wir auch da schon, dass der Antagonist sterben wird und wir wissen sogar schon wie, trotzdem bleibt die Spannung weit oben durch das immer wieder kehrende Element der Zeit. So viele gute Ideen in der zweiten „invertierten“ Hälfte von „Tenet“ stecken, so sehr muss ich auch wieder hier die Dialoge kritisieren. Während interessante Dinge, wie das Thema „Zeitparadox“, einfach abgewimmelt werden, wird der doch recht simple Bond-Plot immer und immer wieder aufgerollt, ohne dass sich die Grundgeschichte wirklich verändern würde. Ich weiß nicht genau, ob Chris Nolan so überzeugt von seiner eigentlichen Story war. Ganz im Ernst: Bösewicht will die Welt in die Luft jagen, Protagonist und Buddy wollen ihn aufhalten, „damsel-in-distress“ muss gerettet werden und wächst über sich hinaus… Das ist alles nicht die hohe Mathematik und wird hier viel zu verkompliziert wiedergegeben. Die wahre Komplexität liegt im Überbau, dem „Angriff aus der Zukunft“. Erklärungen dazu werden eher verkürzt oder es wird eben einfach gezeigt, wie diese Invertierung funktioniert. Auch wenn mich dazu noch ein paar Details interessiert hätten, bin ich froh, dass darüber nicht ellenlang diskutiert wurden ist. Dagegen hätte der spannende Part über die Gründe der „Zukunftsmenschen“ mehr verdient, als einen Nebensatz.

Spoilerfrei: Seht und Hört!

Insgesamt muss ich doch mehr meckern, als mir lieb gewesen wäre. Zu den Kritikpunkten aus den letzten beiden Abschnitten, gibt es noch ein paar Kleinigkeiten, die mich immer wieder rausgerissen haben, aber mit Sicherheit kein „Dealbreaker“ waren. Da wäre die Weltuntergangsmaschine aus dem Legobausatz, die eher dümmlichen Sicherheitsfahrer oder auch merkwürdige Dialogzeilen zu erwähnen. Mein Favorit von letzterem: „Die gesamte Menschheit wird sterben“ –  „Mein Sohn auch?“. Aber wo Schatten ist, muss ich auch die Lichtmomente erwähnen. Erstmal machen die Schauspieler/-innen einen soliden bis sehr guten Job. Gerade Robert Pattinsons Figur wird nach und nach zum heimlichen Held des Films. Auch Kenneth Branagh spielt seinen Stereo-Typ-Bösewicht sehr wuchtig und Elizabeth Debicki holt alles aus ihrer weinerlichen Figur raus. Hauptdarsteller John David Washington kann ebenfalls mit Charme und guten Actionsequenzen punkten. Der riesige Pluspunkt von „Tenet“ ist das audio-visuelle Design. Wenn ihr die Möglichkeit habt, diesen Film in einem großen Kinosaal zu schauen, dann macht es auf jeden Fall! Ihr werdet euch später beim Home-Release selbst dafür verdammen, den Film nicht auf der großen Leinwand und vor allem mit der bestmöglichen Soundanlage gesehen zu haben. Hier knallt jeder Schuss, es tut förmlich weh wenn die Knochen brechen und die wunderschönen Locations wurden fantastisch eingefangen. Absolutes Highlight von „Tenet“ ist aber der Soundtrack. Ludwig Göranssons Score wummert hier wirklich den gesamten Film durch und treibt ihn förmlich an. Für mich ist es der beste Actionsoundtrack seit „Mad Max: Fury Road“! Damit ist auch klar, dass ich trotz vieler Kritikpunkte eine klare Kinoempfehlung ausspreche. Als audio-visueller Action-Film kann „Tenet“ mehr als nur überzeugen, alles dazwischen hat mich ungewohnt kalt gelassen, wobei der Film es auch immer wieder schafft mich mit einzelnen Szenen in seinen Bann zu ziehen.

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