Eine Woche in der Film-Hölle: Tag 4 – Die Welle

Ein Dank geht raus an meinen lieben Kollegen Benjamin von FilmkritikenOd und dem besten Podcast der Welt, für die Empfehlung des Tages: „Die Welle“ lief gestern auf Arte und landete somit danach in der Mediathek. Bei Benni muss sich allerdings jeder beschweren, der diese Beiträge verfolgt um über lustige Zerrisse von schlechten deutschen Filmen zu schmunzeln. Heute wird es, passend zur Thematik, etwas ernster. Ich habe „Die Welle“ jetzt erst zum zweiten Mal gesehen und vergleiche in den beiden nächsten Abschnitten meine erste Erfahrung mit der heutigen. Das hat dann alles nicht mehr viel mit Fernsehkritik zu tun, aber damit geht’s dann morgen wieder weiter.

  • Das erste Mal „Die Welle“

Ich war etwa 14/15 Jahre alt, als wir diesen Film im Geschichts-Unterricht gesehen haben. Damals war der Streifen noch relativ neu, ein paar hatten ihn schon gesehen und andere dachten sich dasselbe wie ein Junge im Film „Nicht schon wieder Drittes Reich, wir wissen so langsam, dass Nazis scheiße sind“. Dabei scheint der Film wirklich wie für die Schule gemacht zu sein. Am Anfang wirkt alles komplett normal, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Die Charaktere mit ihren Teenie-Problemen werden eingeführt, der Lehrer als besonders locker dargestellt und alles läuft so vor sich hin. Das wirkliche Drama und die Vielschichtigkeit kommen erst nach und nach heraus, wenn die viel größeren Themen die Alltagssorgen langsam unbedeutend machen. „Die Welle“ hat seine Wirkung nicht verfehlt. Beim Finale hätte man in der Klasse wohl eine Nadel auf dem Boden fallen hören können. Ein Film der betroffen macht, Jugendliche zum Nachdenken animiert und auch Jahre später nicht in Vergessenheit gerät – Ja, in meiner Erinnerung war „Die Welle“ ein verdammt starker Film und ich hatte mich schon gewundert, warum ich den Streifen so lange nicht mehr gesehen habe.

  • Das zweite Mal „Die Welle“

Nun war es also wieder so weit. 100 Minuten sah den Schülern von Jürgen Vogel dabei zu, wie sie während einer Projektwoche erst eine Einheit bilden und dann zu einer faschistischen Organisation werden. Da liegt auch schon das erste Problem auf der Hand, welches mir damals vollkommen egal war: Das Tempo stimmt hinten und vorne nicht. Da man nur von Montag bis Samstag Zeit hat, machen die Schüler pro Tag eine viel zu krasse Verwandlung durch. Bei den Jugendlichen die stark beeinflussbar sind, mag das auch funktionieren, bei anderen wirkt das Alles zu gekünstelt. Schwierigkeiten beim Tempo hat „Die Welle“ aber nicht nur bei der Zeit, sondern auch beim filmischen Pacing. Die eine oder andere Nebengeschichte hätte man weglassen können, dafür wirkt bei wichtigen Punkten alles zu gehetzt. Rein nach den Filmkriterien wäre das auch mein einziger Kritikpunkt, weil Schauspieler, Look (nicht mehr zeitgemäß, aber OK) und halt besonders die Prämisse mich wieder überzeugen konnte. Die Grundfrage ist immer noch hochinteressant: „Was passiert mit einer Gruppe Jugendlichen, die durch einen Charakter mit Vorbildfunktion manipuliert werden?“ Besonders gefällt mir daran, dass „Die Welle“ meinungsstark ist. Der Film geht bis zum äußersten Ende mit seiner Thematik, offen, ehrlich und mit allen Konsequenzen. Der Witz und die Leichtigkeit gehen immer weiter runter, umso mehr sich das System der Welle ausbreitet. Solche Parabeln und Vergleiche gibt es häufiger zu sehen und sie machen diesen Film mit einigen Abstrichen eigentlich noch gut anschaubar. Ja, eigentlich. Auf viele wird der Streifen wohl die gleiche Wirkung erzielen wie bei mir, allerdings lohnt es sich für einen kleinen Gedankengang die Seiten zu wechseln.

  • Die heutige „Welle“

Für die meisten wird der Fall klar sein, wenn man sich den Film ansieht: Wir müssen als Gemeinschaft in den Widerstand gehen, um solche Gruppieren zu verhindern! Gleichzeitig passiert das Gegenteil. Die Worte von neu-rechten Vereinigungen wie der AFD, Pegida oder der Identitäten Bewegung werden gerade von den fanatischen Anhängern in die Tat umgesetzt. Das beste und traurigste Beispiel dafür ist das Massaker in Neuseeland. Natürlich zeigt auch der Film diese Ausmaße mit den Schlussszenen sehr deutlich, allerdings erst wenn das System der Welle auseinander gebrochen ist. Die schlimmsten Konsequenzen kommen erst dann, wenn es keine Bewegung, Einheit und Kameradschaft mehr gibt. Vorher war alles in bester Ordnung, zumindest für die Anhänger. Das Leid der Nicht-Mitglieder wird schon fast beiläufig erzählt. Natürlich weiß ich es nicht, aber ich könnte mir vorstellen, dass in manchen Idioten-Kreisen der Film einen ganz anderen Effekt hat. So gut und wichtig die Anliegen von „Die Welle“ sind, so bleibt zumindest bei mir ein fader Beigeschmack. In meiner Klasse damals sorgte der Film in meiner Erinnerung für Betroffenheit. Was Mitschüler zu dem Film sagten, die sowieso ausgegrenzt und „anders“ waren, weiß ich leider nicht mehr. Ich kann nur hoffen, dass ich mit meiner Interpretation falsch liege und die wahren Absichten von „Die Welle“ bei jedem gleich stark ankommen.

DieWelle

 

Filme der „Eine Woche in der Fernsehfilm-Hölle“ Challenge:

13 Comments

    1. Kenne das original nicht, aber laut Internet ist es ein 45minuten Fernsehfilm aus den USA
      Kann ich mir grade schwer vorstellen, da die Story schon bei 100 Minuten abgehetzt wirkt 😅

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  1. „Da man nur von Montag bis Samstag Zeit hat, machen die Schüler pro Tag eine viel zu krasse Verwandlung durch.“

    Das Experiment ging in seiner Original-Fassung angeblich nur fünf Tage (auch wenn es da nicht ganz so wild zuging, wie in dieser Verfilmung). Das Buch und die oben angesprochene erste Verfilmung des Stoffes ist da etwas Originalgetreuer (das literarische Werk ist sprachlich eher für Kinder gedacht und geeignet).
    Aber führt man sich zudem vor Augen, wie Das Experiment (also die Grundlage für den Film mit Moritz Bleibtreu) abgelaufen ist, dann wundert mich gar nichts mehr…

    Gefällt 1 Person

    1. Ich bezweifel nicht, dass Schüler innerhalb einer Woche zu so etwas fähig sind und gerade mit den heutigen Möglichkeiten kann sich so eine „Welle“ noch schneller verbreiten. Eine 16jährige Schwedin macht es ja gerade vor, wenn auch im positiven Sinne 🙂
      Trotzdem hüpfen die Protagonisten doch relativ schnell in ihrer Meinung und in ihrem Charakter hin und her. Und jetzt komm mir nicht mit Pupertät! 😀

      Gefällt 1 Person

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