Ver-piled #9: The Neon Demon

Erscheinungsjahr: 2016

Herkunft: U.S.A., Frankreich

Regie: Nicolas Winding Refn

Die Werke des dänischen Regisseurs sind sehr umstritten. Bei Filmen wie „Only God Forgives“ oder „Drive“ scheiden sich die Geister. Sein letzter Streifen macht da keine Ausnahme. Auch „The Neon Demon“ kam sehr unterschiedlich an, doch der Stil hat mich seit den ersten Trailern begeistert. Jetzt kam ich endlich mal dazu, den Horror-Thriller in der Modewelt selbst zu sehen.

  • Von Gucci zu Grusel

Es beginnt alles ganz klassisch. Das 16-jährige Mädchen Jesse (Elle Fanning) möchte als Model in L.A. groß rauskommen. Wie so viele andere in ihrem Alter geht sie zu Castings, Fotoshootings und Wettbewerben, um einmal der nächste Star zu werden. Viele scheitern an dieser Aufgabe, doch Jesse scheint das gewisse Extra zu haben und reitet auf der Welle des Erfolgs. Aus dem schüchternen Mädchen vom Land wird eine selbstbewusste Frau. Ihre Schönheit begreift sie schnell als ihr Kapital, sie stellt sich über andere und fängt an, Arroganz und Selbstüberschätzung auszustrahlen. Sie ist jedoch noch kein Star und somit ist sie den Gefahren der „unteren“ Modewelt hoffnungslos ausgesetzt. Falsche Freundinnen und aufdringliche Männer (u.a. Keanu Reeves) inklusive. Doch irgendwann beginnt der Film sich zu drehen. Vom Genre „Coming-of-Age“ und „Drama“, wechselt „The Neon Demon“ schon sehr bald in „Horror“. Was der große Twist hier ist, möchte ich nicht verraten. Jedoch hat mich die krasse Wendung im letzten Drittel nicht sehr überzeugen können.

  • Eine Kritik in zwei Akten

Meiner Meinung nach müssen die ersten zwei Drittel des Films und der Rest gesondert betrachtet werden. Die Aufstiegsgeschichte von Jesse hat mir sehr gut gefallen. Regisseur Winding-Refn hat ein fantastisches Auge für großartige Bilder. Er inszeniert seinen Film stilsicher mit Neon-Farben und grellen Lichtern, im Kontrast zum schmutzigen Los Angeles. Auch die Protagonisten können auf ganzer Linie überzeugen. Dabei meine ich noch nicht mal die fantastische Hauptdarstellerin, die ihre Verwandlung grandios spielt. Auch die Nebenfiguren haben ein hohes Charisma. Dies alles, gepaart mit einem treibenden Techno-Soundtrack (nicht mein Geschmack, aber sehr passend), führt zu einem sehr guten Film. Jedoch war es den Machern wohl zu langweilig und so gibt es im letzten Drittel eine Wendung, die nichts mehr mit dem davor gesehenen zu tun hat. Bis zu diesen Zeitpunkt hat mich „The Neon Demon“ jedoch von Minute Eins mitgerissen. Ich wollte wissen wie die Geschichte weiterverläuft, noch mehr von den tollen Bildern sehen und weiter in die Abgründe der Protagonisten und der Modewelt abtauchen.

  • Abschnitt mit Spoilern!

Jetzt kommen wir zum letzten Drittel des Films und dafür muss ich nunmal spoilern. „The Neon Demon“ hätte seine Story so gut zu Ende bringen können. Falsche Freundinnen, welche die eigene Karriere in Gefahr sehen oder Männer, die das Leben der Frau und ihre Psyche sehr schnell beenden können. Diese Themen greift der Film auch auf und benutzt dafür auch krasse, jedoch wirksame, Bilder und Motive. Allerdings hatten die Szenen rund um „Kannibalismus“ und „Nekrophilie“ nur einen Effekt auf mich: Alle in diesem Film haben mächtig einen an der Klatsche. Vielleicht kann man als Kunstkritiker viel in die blutgedrängten und freizügigen Szenen reininterpretieren. Für mich verkamen diese jedoch zum vollkommenen Selbstzweck. Hier wollte jemand den Zuschauer schocken und provozieren, ohne jeglichen Sinn. Nur wenige Minuten vorher hat es der Film geschafft, die gleichen Gefühle auszulösen, mit einer Szene die zum Rest des Streifens passt. Die Motive des letzten Drittels sind dagegen vollkommen überzeichnet und fast schon „trashig“. Nach der tragischen Szene im Pool, schaltet man den Film besser aus.

  • Schade, einfach Schade

Was hätte aus diesem Film werden können, wenn die Macher zwar die Härte und Schonungslosigkeit der letzten Szenen beibehalten hätten, dabei jedoch die eigene (sehr gute) Story nicht vergessen hätten. Regisseur Winding-Refn hat sich für einen anderen Weg entschieden. Dieser ist vielleicht künstlerisch wertvoller, aber passt meiner Meinung nach nicht in das eigentliche Gesamtkunstwerk namens „The Neon Demon“. Bis zur Kehrtwende fühlte ich mich jedoch grandios unterhalten und konnte selbst den etwas gekünstelten Dialogen etwas abgewinnen. Somit ist das hier kein Verriss des Films, aber mein Eindruck wurde nachhaltig durch die Drehbuch-Entscheidungen geschädigt. So kann ich am Ende nicht anders, als nur eine mittelmäßige Bewertung zu vergeben. Bei manchen scheinen die krassen Gegensätze funktioniert zu haben und mit Sicherheit kann man in das Ende eine Menge reininterpretieren. Ich hätte aber lieber die Grundgeschichte weiter verfolgt, die so viel Potenzial hatte, um vielleicht der beste Film über das Modelbusiness aller Zeiten zu werden. Die letzte halbe Stunde machte daraus einen Kunstfilm, mit dem ich nicht viel anfangen konnte.

NeonDemon

2 Comments

  1. Da ging es mir ähnlich. Visuell kann der Winding Refn auf jeden Fall was und Ms. Fanning spielt echt gut. Aber dein angesprochener Twist, der ja im Endeffekt eine Art überstrapazierte Metapher auf das sich selbst zerfleischende Modelbusiness darstellt, fand ich zu over the top und von der zuvor so sorgsam aufgebauten Atmosphäre zu sehr abweichend.

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