Film Wichteln #12 – Die Taschendiebin

Hey yo, ich erzähl euch mal kurz was ich hier vorhabe: Ich schaue „Die Taschendiebin“ weil mein Wichtel das so verlangt hat. Aber natürlich bin ich darüber sehr froh, denn der Film ist von Park Chan-Wook und der hat mit „Oldboy“ einen meiner absoluten Lieblingsfilme erschaffen. Also sollte alles ziemlich easy werden. Ich schau mir einen Streifen an, der schon Meter hoch Staub angesetzt hat auf meiner Watchlist, ihr bekommt eine launige Kritik und alle gehen glücklich nach Hause. Das erste Drittel von „Die Taschendiebin“ bestärkt mich schon in meiner Vermutung, hier einen tollen Film zu sehen. Relativ schnell gehen wir in die Story rein, rund um die namensgebende Taschendiebin und einem Hochstapler, die eine vermögende Frau abzocken wollen. Was direkt mal auffällt, wie schön das Ganze hier gefilmt und inszeniert wurden ist. Am Stil des Films kann man sich wirklich nicht satt sehen. Während das vielleicht zu erwarten war, kam etwas anderes ziemlich überraschend: Der Film ist witzig. Immer wieder gibt es kleine Witzchen und allgemein sorgen die Darsteller*innen für ziemlich gute Laune. Find ich gut, man muss ja nicht alles schwerfällig und ungemütlich erzählen. Ich kann also wirklich nicht meckern. Die Geschichte beginnt schwungvoll, alle Beteiligten machen einen guten Job und dazu gibt´s noch ne ordentliche Portion Sex – hell yeah, läuft soweit ganz gut!

Zu Beginn des zweiten Drittels war ich also frohen Mutes, denn so langsam wurde die Geschichte von vollkommen in Ordnung zu richtig exquisit. Ich fiel zwar nicht vom Sessel wie beim oldboyischen Twist-Gewitter, aber für wahr, eine Augenbraue zog ich dann doch nach oben vor Überraschung. Um der Geschichte mehr Platz zu lassen, zieht sich auch der Humor zurück, nur um pointiert ab und zu wieder perfekt in Erscheinung zu treten. Aber die zweite Hälfte schlägt andere Töne an, nicht nur auf geschichtlicher Ebene. Als Zuschauer geht man diesen Weg mit und wird mit dem abschließenden Drittel belohnt oder man steigt an dieser Stelle aus und einem wird der Blick hinter das Ganze verwehrt. So sehr ich das Alles hier mag, ein wenig Kritik ist dann schon angebracht. Die Wiederverwendung von etlichen Szenen zum Beispiel. Selbstverständlich ist es kein Beinbruch dieselben Szenen öfter zu sehen, gerade weil sie so wichtig sind. Jedoch wird man das Gefühl nicht los, dass der Regisseur dem Publikum wenig zu traut und die wichtigen Momente so offensiv anpreist, wie ein Verkäufer seine Ware auf dem Fischmarkt. Doch das der Fisch hier ordentlich stinkt, merke ich auch ohne ihn mehrfach von allen Seiten sehen zu müssen. Viel mehr scheinen manche Kritiker Probleme mit l’amour zu haben bzw. mit der sehr expliziten Darstellung der selbigen. Tatsächlich wird die sexuelle Beziehung für einen Spielfilm extrem offen gezeigt und man kann darüber diskutieren, ob der Film so viel nackte Haut überhaupt benötigt. Andererseits ist es die wahrscheinlich einfachste und effektivste Weise die innige Liebe zwischen Charakteren darzustellen. Ein Kuss, ein paar nette Worte – mehr wird meistens nicht gezeigt und der Zuschauer muss damit leben, dass ebenso in Filmen Liebesbeziehungen dargestellt werden. „Die Taschendiebin“ zeigt dagegen das ganze Repertoire der menschlichen Zuneigung: Starke Emotionen, unbeschreibliche Sehnsucht und eben auch die körperliche Nähe.

Also es wird halt viel gebumst, kommt damit klar. Hier dem Regisseur irgendeinen Strick draus zu drehen halte ich für absoluten Bullshit. Wer den Film irgendwie auf die Nacktheit reduziert, verpasst das große Ganze. Was mir (und wahrscheinlich vielen anderen) aufgefallen ist, dass es einen riesigen Unterschied zwischen den Frauen- und Männerfiguren gibt. Wenn ich kurz zurück denke, dann fällt mir eigentlich nur eine Frauenfigur (die Haushälterin) ein, die man nicht leiden kann. Gerade diese Figur steht unter dem Pantoffel der Männer, die allesamt als schwierige bis durchgeknallte Charaktere dargestellt werden. Die Frauen, insbesondere die zwei Hauptfiguren, dürfen dagegen glänzen und gerade das letzte Drittel macht dies überdeutlich. Ob das Patriachat gebrochen wird und wie sich dieser feministische Ansatz am Ende auswirkt, kann jeder und sollte jeder für sich selber begutachten. Alles was sich darum dreht, wäre ein massiver Spoiler. Ich kann nur sagen: Der Film hat mit seiner Message wunderbar für mich funktioniert und bietet einfach alles: Tolle Darsteller*innen, eine spannende Geschichte, großartige Bilder und und und… Einzig die Art und Weise, wie mir die Geschichte erzählt wird, mit der recht häufigen Dopplung von Szenen, hat mir nicht ganz so geschmeckt. Allerdings ist das meckern auf hohem Niveau, ich kann „Die Taschendiebin“ nur wärmstens empfehlen, für alle Fans vom koreanischen Kino, von trickreichen Storys und starken Frauenfiguren. Merci an meinen Wichtelpartner (in diesem Fall weiß ich es ja, danke also an Ma-Go den Filmgeschichtenerzähler) und ich wünsche euch allen wunderschöne, gesunde und ruhige Weihnachten!


Wichtel von Filmgeschichtenerzähler

Text von Lufio

Übersicht der Wichtel-Texte

3 Comments

  1. Es ist und bleibt unglaublich. Der berühmt berüchtigte röscheske Zufallsgenerator ist halt einfach eine Wucht.
    Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet DU, dem ich den Film in den letzten Jahren gefühlt 34 Mal ans Herz gelegt habe und für den (u.a.) ich den Film ausgewählt habe, ihn tatsächlich zugelost bekommt? Das ist passenderweise ein echtes Weihnachtswunder. Schön dass dir der Film gefallen hat und ich dir damit eine Freude machen konnte.
    Fröhliche Weihnachten, altes Haus!

    Gefällt 3 Personen

  2. Ich prangere weniger die Nacktheit und die Sexdzenen an sich an, sondern die Klischeehafte Überspitzung und damit deutliche Abwertung des Sexaktes zwischen zwei Frauen*
    Da kämpft man jahrelang für den Abbau dieser Klischees und bekommt dann so einen Bullshit vorgesetzt. Damit hat der Film bei mir verspielt

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s