Film Wichteln #3 – Corpus Christi

Durch die Veröffentlichungen von Werken wie SILENCE, FIRST REFORMED, KLER oder auch FLEABAG (Staffel 2) kann man momentan sicherlich von einer kleinen, künstlerischen Reform der liturgischen Repräsentation im Film sprechen, welche sich wohl vorsichtig von modernen Nonnen-Schockern à la CONJURING-Horror emanzipiert. Bevor demnächst BENEDETTA (oder der rumänische Geheimtipp MIRACOL) die feministischen Seiten des Genres austestet, widme ich mich jetzt noch dem polnischen CORPUS CHRISTI aus 2019.

Schon in der ersten Szene wird uns der Protagonist Daniel als frommer, aber in der kriminellen Dunkelheit gefangener Mann gezeigt, welcher durch den starren Blick ins göttliche Licht zu entkommen versucht. Physisch durchbricht er die robusten Linien der Sägen seiner Mit-Insassen, und geistig abwesend probiert er sich durch den heiligen Geist in das ausblendende Ertragen zurückzuziehen. Die Kamera widersetzt sich aber seiner Versuche Gott zu erblicken und richtet sich entgegen seiner Blickrichtung auf die schmerzhafte Folter hinter ihm, bis wir vorerst auch Daniel als Mittäter verurteilen können.
Die lieblos an das Whiteboard geklemmten Begriffe „Schmerz, Zorn, Gewalt, Liebe & Familie“ strahlen fast schon hoffnungslos die soziale Kälte dieses Ortes aus, wohingegen die darauf folgende Predigt deutliche Anzeichen von Hoffnungen und Visionen in Daniels Gesicht hervorbringt… Die anschließende Kantinen-Schlägerei schließt die lokale und personelle Einführung in den Film ab und die platzierte Ambivalenz in der Hauptfigur öffnet unsere Blicke für die Suche nach Orten der Entfaltung und des Aus- bzw. Aufstiegs.

Innerhalb der Gefängnismauern kann die religiöse Therapie dank Knast-Pater Tomasz ein kurzfristiges Ventil sein, aber Daniel möchte sein Ventil lieber selber und für immer öffnen können. Vorerst übernimmt der Rausch aus Sex und Drogen den eskapistischen Part (samt krampfhaftem Blick in aggressiveres Licht), jedoch können diese ihn nur temporär befriedigen und für die langfristige Erlösung braucht es einen Tapetenwechsel… oder besser gesagt: das große Umstyling. Denn die Macht der äußeren Erscheinung, vom Film direkt im Anschluss thematisiert, als er im Bus von einem Polizisten als „Abschaum erkannt“ wird, wirkt den gesellschaftlichen Umständen stark, proportional entgegen der gerichteten Diskriminierung und oberflächlichen Stigmatisierung, aus der es für Daniel zu entkommen gilt.

Der anschließende Hauptteil ist eine gekonnt clevere Abhandlung der potenziellen Lücken in den politischen Systemen, bei der die Einführung in das ‘Fluchtdorf‘ sehr aufmerksam und authentisch geführt wird. Im Wechsel mit den klassischen Momenten des „Hauptfigur-muss-improvisatorisch-eine-Rolle-übernehmen-und-ist-überfordert“ Settings wird immer an den passenden Stellen das nächste Level dieser Scharade-Mission eröffnet, und Generationenunterschiede sowie die Nonchalance der Straße helfen das ein oder andere Mal auf unterhaltsame Art aus der Patsche.


Das ist alles wirklich sehr gut anzusehen und konstruiert, nur ist der Film durch seine True-Crime-Elemente das ein oder andere Mal etwas zu abgelenkt, um sich mit der präsentierten Gegenüberstellung in beide Richtungen zu befassen. Als Daniel recht unerfahren und etwas argwöhnisch seine erste Messe halten muss, erinnert er sich an die ungeschwollene und direkte Ansprache von Pater Tomasz aus dem Jugendgefängnis, und adaptiert diesen Mechanismus auf intuitive Art und Wiese für seinen besonderen Modus als Priester. Solche Szenen gibt es im Film mehrfach, allerdings traut sich der Film nie, die Fragen mal kritisch umzudrehen. Wenn es nur etwas Direktheit und ‘Unterschicht-Lakonie‘ bedarf, um die konservativen, behüteten Dorfleute auf erfrischende Art zu erreichen und etwas progressiv anzustoßen, fehlt im Film eine Auseinandersetzung mit der Herausforderung, die kriminalisierte Jugend aus Problemorten zu erreichen, zusammen zu bringen, oder Klassengrenzen langfristig zu durchbrechen.

Denn auch diese Verkleidung wird irgendwann aufgedeckt und führt schlussendlich zur nonverbalen Auseinandersetzung im Dialekt der rohen Gewalt. Zwischendurch gibt es noch einen emotionalen Part mit einem der eher auffallenderen, kühnen Insassen aus dem Jugendknast, aber auch hier scheitert der Film etwas, eine Antwort parat zu haben. Sicherlich schafft der Film einen soliden Rahmen, der die Konfrontation mit der katholischen Kirche als mächtige, globale Institution überflüssig macht, aber dieses Offenbleiben der anscheinenden Auswegslosigkeit ist weder pessimistisch genug, noch reicht die emotionale Verdrängung des wirklich bemerkenswert guten Schauspiels aus, um für mich abgeschlossen zu funktionieren.

Im Geiste der Weihnacht optimistisch und gutgläubig gesprochen, bleibt natürlich die Chance, sich diese Fragen nun selber zu beantworten. Und für alle Zimtsterne vernaschenden Mitglieder aus Team #Atheismus oder #Agnostizismus bleibt immerhin die Zufriedenheit, sich all diese feshen Tattoos stechen lassen zu können, ohne direkt eine klerikale Kündigung unter schweigend verdutzter Empörung zu erzwingen.


Wichtel von Audio/Visuell

Text von Louis Derfert

Übersicht der Wichtel-Texte

1 Comment

  1. Hui, ne richtiggehende Analyse – interessant zu lesen. In der Gesamtbewertung des Films stimme ich dir zu, er schöpft sein Potenzial/seine Ansatzpunkte nicht aus. Ich sah aber vor allem das Thema der Vergebung im Mittelpunkt. Sowohl unserer Hauptfigur wird nicht vergeben (von der Kirche, die keine Sträflinge aufnimmt) als auch der Frau des Autofahrers von den Bewohnern; und das obwohl Vergebung doch DAS Ding im Katholizismus ist

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