Film Wichteln #2 – Der Unsichtbare

Kennt ihr dieses Gefühl, dass man einen Film verpasst hat, den sonst jeder gesehen hat? In der jüngeren Vergangenheit wurde dieses Gefühl bei aktuellen Filmen immer seltener, ein solcher Fall war jedoch der Film „Der Unsichtbare“, der kurz bevor die Covid 19 Situation das erste Mal unser Leben lahm legte ins Kino kam. Damals hatte ich kein Interesse am Film, obwohl die meisten Stimmen wohlwollend waren und der Film auch kommerziell überraschend erfolgreich war. Mit vergleichbar schmalem Taler viel herausholen. Der feuchte Traum jedes Studiobosses wird seit Jahren erfolgreich von Jason Blum vorexerziert. Mit Budgets, die nie 20 Millionen Euro übersteigen, pointierten Marketingeinlagen und den Fokus auf junge unverbrauchte Regisseure entstehen Horrorstreifen jeglicher Couleur. Manche dieser Filme sind Klischeetreiber und furchtbar arm an kreativen Ideen. Hin und wieder scheint jedoch ein Gold Nugget durch, so wie Jordan Peeles „Get Out“, der es sogar auf eine Oscar-Nominierung als Bester Film brachte und das als Psychohorrorfilm mit komödiantischen Elementen. Wenn man den euphorischsten Stimmen glauben mag, steht „Der Unsichtbare“ oder wie er im Original heißt „The Invisible Man“ dem kaum nach.

Nun gut, jetzt ist das hier das lose Remake des gleichnamigen 1932 Klassikers und damit ungleich weniger originell als „Get Out“, auch wenn man die gegenwärtige Zeit in Leigh Whanells Film aufspielt. Toxische Beziehungen in Kombination mit der Übergriffigkeit ekelhafter Männer gegenüber ihren Frauen bildet das Herzstück des neuen „Invisible Man“. Damit beginnt aber schon ein zentrales Problem des Films, während eine gerechte Aufarbeitung des Themas unbedingt eine hohe Screentime des toxischen Ehemanns braucht, bietet „The Invisible Man“ den invisible Man. Selbst in den wenigen Szenen, wo Oliver Jackson-Cohen zu sehen ist, wirkt er eher wie das neue Werbegesicht für einen Nassrasierer als wie ein gefährlicher Ehemann. Das würde funktionieren, wenn der Film nicht sofort ihn als jenes Ekelpaket zeichnen würde, das er ist. Stattdessen setzt Whanell auf den Cold Opener, der sofort den Zuschauer zu packen weiß. Funktioniert für die erste Sequenz sehr gut, zahlt für den restlichen Spielfilm jedoch negativ ein. Hier zeigt sich ein Problem des Films. Auf rein handwerklicher Ebene kann man Whanell wenig vorwerfen. Seine Bildsprache ist typisch thrilleresk sehr dunkel gehalten und wirkt wertig. Der Einsatz der Filmmusik ist auch adäquat eingesetzt und doch fügt sich das nicht zu einer vollkommen runden Sache zusammen. Der Film wird getragen von Elizabeth Moss, die in diesem Film eine wahrhafte Tour de Force durchspielen muss und in ihrer Rolle vollkommen aufgeht. Spätestens wenn die Erklärung für den „Invisible Man“ dem Zuschauer nähergebracht wird, war ich endgültig so weit raus, dass ich die Lobeshymen auf den cleveren Metahorror nicht mittragen würde. Grobschlächtiger kann man das Thema „toxische Männlichkeit“ in Beziehungen kaum behandeln, auch wenn durch den Unsichtbaren ein paar nette Schockerszenen entstehen.

Somit bleibt „Der Unsichtbare“ ein solider Psychohorrorthriller, der sich an seinem zugrunde liegenden Thema verhebt, handwerklich sauber genug inszeniert ist, um dank einer furios aufspielenden Elizabeth Moss zu unterhalten.


Wichtel von Ainu89

Text von Ecce Homo 42

Übersicht der Wichtel-Texte

4 Comments

  1. „der sich an seinem zugrunde liegenden Thema verhebt, handwerklich sauber genug inszeniert ist, um dank einer furios aufspielenden Elizabeth Moss zu unterhalten.“

    Das hast du vortrefflich formuliert. Ich bin damals zu einem ähnlichen Fazit gekommen. Allerdings hat der Film mir insgesamt, wenn ich dich richtig verstanden habe, noch ein bisschen weniger gefallen als dir. Ich würde in dem Fall sogar von einer Enttäuschung sprechen. Aber das könnte auch an meiner (zu hohen) Hoffnung und Erwartungshaltung an den Film gelegen haben. Sehr wahrscheinlich sogar.

    Gefällt 2 Personen

  2. Bin froh, dass meine Auswahl für dich wenigstens kein Totalausfall war 😉. Ich vermute, mir hat der Film damals im Kino so gut gefallen weil ich mir von Horrorfilmen eigentlich nie irgendwas erwarte (die meisten langweilen mich eher…ist irgendwie einfach nicht mein Genre) und mir der Film zumindest mal eine hervorragende Hauptdarstellerin und eine dichte Atmosphäre geboten hat.

    Gefällt 1 Person

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