Reihum-Kritik: Memories of Murder

Herzlich Willkommen beim September-Beitrag… Naja, fast. Die heutige Gemeinschaftsarbeit hat vielleicht etwas länger gedauert, aber am Ende kommt es ja auf das Ergebnis an! Heute gibt es auf diesem Blog eine Reihum-Kritik zu dem Film „Memories of Murder“ aus dem Jahr 2003. Drei Blogger haben zweimal genau (!) 250 Wörter um den Film bestmöglich zu besprechen und daraus irgendwie eine gute Kritik zu formen. Mit mir haben sich Michael von „Sneakfilm“ und Ecce von „EcceHomo42“ in das Abenteuer gestürzt und die nun folgenden Worte kamen dabei raus

(Am Anfang jedes neuen 250-Worte-Absatzes ist der zuständige Autor markiert)

Marius: „Memories of Murder“ von Oscar-Gewinner Bong Joon-ho ist so ein Film, wo man als ersten Drang nach dem Schauen nicht die Bewertung bei Letterboxd hat, sondern das Lesen des Wikipedia-Artikels oberste Priorität genießt. Der Thriller spielt Ende der 1980er in Südkorea und basiert auf der wahren Geschichte eines Serien-Frauenmörders. Während oberflächlich die Story wie eine normale „Cool Cop / Dumm Cop“-Satire wirkt, wo halt zwei anfangs unterschiedliche Männer durch spätere Zusammenarbeit versuchen den Fall aufzuklären, kann man natürlich davon ausgehen, dass der „Parasite“-Regisseur eine Menge zwischen den Zeilen versteckt. Diese Sozialkritik wirkt zwar etwas kontextlos (weil zumindest mir das geschichtliche Wissen gefehlt hat), aber manche Dinge sind so universell, dass man auch als Europäer die Kritik versteht. In den über 120 Thriller-Minuten werden so Fässer aufgemacht wie der mangelnde Respekt von Frauen in Führungspositionen, Gewalt der Mächtigen (insbesondere der Polizei), Sensations-Hetze der Medien usw. Dabei kommt es einem aber fast schon so vor, dass Joon-ho so viel Wert auf möglichst viel Doppeldeutigkeit legt, dass die eigentliche Geschichte etwas auf der Strecke bleibt. Immer wieder wird das Tempo rausgenommen, um Platz für neue Ideen zu schaffen und noch mehr in die eigentlich recht simple Story zu packen. So gibt es Charaktere vom Anfang, die dort einen Recht hohen Redeanteil haben, welche ab der Mitte gar nicht mehr vorkommen oder Nebenstränge die für ein paar Minuten extrem viel Platz einnehmen, ohne dass es eine wirkliche Relevanz für den Film hat. Im Gegensatz dazu stehen die zwei Hauptcharaktere, welche nicht nur großartig

Ecce: komplementär geschrieben, sondern ebenso famos von Song Kang-Ho (man kennt ihn unter anderem aus „Parasite“) und Kim Sang-Kyung verkörpert werden. Kang-Ho spielt hier den instinktiven Landcop Park Doo-Man, dessen Methoden selbst in den Achtzigern schon altbacken wirkten mit der notwendig glaubwürdigen Einfältigkeit. Dabei hat er manchmal auch seine lichten Momente, wenn Park Doo-Man aufgrund fehlender Haare am Tatort davon ausgeht, dass der Serientäter im Intimbereich kahl rasiert ist. In derselben Szene, in der diese gewagte Theorie von ihm voller Überzeugung präsentiert wird, zerpflückt er den offensichtlichen Zusammenhang zu einem im Radio gewünschten unbekannten Song, vornehmlich, weil er von der weiblichen Kollegin kommt. Diese kommt sowieso bei Doo-Man ähnlich schlecht weg, wie der moderne Metropolit Seo Tae-Yoon, der aus Seoul für diesen Fall zur Unterstützung eingesetzt wird. Allein die Tatsache, wie die beiden mehr gegeneinander ermitteln als miteinander zeigt, wie groß die Kluft zwischen Landbevölkerung und Großstadtbewohnern im von der Militärdiktatur bestimmten Südkorea der 1980er sein musste. Eine der besten Szenen des Films, ist jene, in der sich Doo-Man bei seiner Frau beschwert, wie wenig auf Ihn gehört wird und diese ihm vorbehaltlos zustimmt. Man wird aus der Zuschauerperspektive das Gefühl nicht los, dass die Ermittler mit ihrem Verhalten die Aufklärung (die im Jahr 2019 noch erfolgte) verhinderten. Die Polizeikritik wirkt noch stärker, wenn zu keinem Zeitpunkt die Aufgabenteilung klar erscheint und vor Folter angewendet wird, um letztlich wertlose Geständnisse zu erzwingen. Inszenatorisch arbeitet der Film abgesehen von Szenen, die im Jahr 2003 spielen mit düsteren Farben, die eine Schwarz-Weiß Ästhetik

Michael: haben. „Dark and Gritty“ wie es in der modernen Filmsprache zu heißt. Der Look passt dabei perfekt zum Ton des Films, erzählt „Memories of a Murder“ eben keine fröhliche Geschichte, sondern von einer Mordserie, von in vielerlei Hinsicht problematischer Polizeiarbeit und haben wir es doch mit einem Film zu tun, bei dem man die fröhlichen Momente an einer Hand ablesen kann. Es überwiegen die Enttäuschungen der Protagonisten, die Rückschläge. Und obwohl der Film für seine Figuren wenig positive Momente bereithält, überträgt sich diese Niedergeschlagenheit nicht auf den Zuschauer. Als Beobachter, was man in seiner Konsumentenrolle ja ist, wundert man sich zwar immer wieder darüber mit welchen Mitteln hier Polizeiarbeit betrieben wird und hat immer wieder eine Ahnung, dass die Polizei auf der falschen Fährte ist und ihre Mittel eher dazu dienen ihre teils absurden Theorien zu unterstreichen, aber nie hat man das Gefühl, dass der Film die Opfer und die falsch verdächtigen Personen nicht ernst nimmt. Vielmehr entwickelt man ein wenig Mitleid für die Polizisten und ihre scheinbare Verzweiflung bei der Suche nach dem Täter, bei denen ihnen wohl alle Mittel Recht sind. Spannenderweise stören die vielen aufgemachten Handlungsstränge dabei den Erzählfluss des Films weniger als zu befürchten wäre. Es ist die anfangs angesprochene Doppeldeutigkeit, die im Laufe des Films immer mehr von Belang wird. Fast jede auf den ersten Blick noch so belanglose Szene bekommt später im Film doch noch eine Bedeutung. Als Fallbeispiel sei hier die Eröffnungsszene genannt. Solltet Ihr den Film einmal schauen, achtet einfach mal darauf

Marius: wie schön am Ende ein großer Bogen um alles geschlagen wird. An diesem Film ist wirklich kaum ein Gramm zu viel und die über zwei Stunden Laufzeit werden perfekt von der Geschichte und den unterschiedlichen Charakteren getragen. Aber bei aller Liebe zum Regisseur und den Darstellern, kann man dem Film auch einige Sachen, wie ich meine, zu Recht vorwerfen. Die Macher versuchen nämlich hier auf einer ganz dünnen Klinge zu balancieren. Es werden Charaktere erschaffen, die mit ihren vielen Fehlern sympathisch und nahbar wirken sollen. „Memories of Murder“ hat sowohl sehr lustige Szenen, als auch zu tiefst dunkle Momente zu bieten, die nicht immer eng zusammen arbeiten. Keine Angst, man muss keine Marvel-mäßigen Szenen erwarten, wo schockierende Momente mit einem lockeren Spruch aufgeheitert werden. Jedoch darf die Frage erlaubt sein, in wie weit man die Kritik zu bspw. an Foltermethoden noch ernst nehmen kann, wenn der Folterer ein sympathischer Sidekick-Dummkopf ist, bei dem man durch einen Unfall am Ende sogar noch Mitleid empfinden kann. Gleichzeitig passiert auch noch was mit dessem Opfer, wo auch eine gute Portion Mitleid hängen bleiben soll. Irgendwann ist zumindest meine Menge an Empathie aufgebraucht, bei so vielen Figuren die in den Grauzonen wandeln. Versteht mich nicht falsch, gerade diese Figuren machen den Film aus, jedoch trifft der Film nicht immer die richtigen Töne. Anders sieht es beim „großen“ Bösewicht des Films aus, dem vermeintlichen Täter, der erst relativ spät gefunden wird. Hier bündeln sich alle gesellschaftskritischen Punkte, denn durch die ganzen Probleme ist es scheinbar

Ecce: einfach einen Täter zu finden, der es dann endlich sein muss. Jedoch zeigt der Film hier eindeutig, dass hier noch mehr als ohnehin schon ein Täter gefunden werden soll, um einen Täter präsentieren zu können und weniger, um einen Straftäter zu fassen. Dabei zeigt sich deutlich, dass dieser Streifen vor Ambivalenz und Gesellschaftskritik trotzt und Bong Joon-Ho hier schon alle Stärken zeigt, die er in seinem weltweiten Sensationserfolg „Parasite“ perfektioniert hat. Dabei drängt sich jedoch der Vergleich zu einem anderen Film auf: David Finchers „Zodiac“. Der Serientäterfilm über den Zodiackiller bedient sich überaus deutlich bei Bong Joon-Hos Film, auch wenn Fincher die Humorquote auf null bringt und zugunsten einer Fokussierung auf die psychologischen Folgen bei denen, die den Täter jagen, seinen Film mehr zerdehnt, erscheinen die Filme wie Filmgeschwister. Dabei eint beide Filmemacher, dass sie Ihrem Publikum eine Menge zutrauen, dass es herausgefordert wird und man mit dem Film nur mit Anstrengung des eigenen Hirnschmalzes eine interessante Zeit (gute Zeit erscheint bei der Thematik unpassend). Unter den gegebenen Umständen erscheint es trotz der Bekanntschaft des zugrundeliegenden Falls erstaunlich, dass „Memories of a Murder“ 2003 zum kommerziell erfolgreichsten Film Südkoreas wurde. Wenn man noch dazu bedenkt, dass im selben Jahr Park Chan-Wooks alles andere als kommerziell unerfolgreicher „Oldboy“ den Start des Aufstiegs des südkoreanischen Films weltweit eingeläutet hat und heute noch als einer der besten Filme der 2000er gilt, erscheint diese Statistik surreal. Es wirkt wie Balsam auf die Filmliebhaberseele, dass ein solcher Film, der Genrefilm mit Charakterstudie und Gesellschaftskritik kombiniert

Michael: zumindest unter Filmliebhabern seinen Platz gefunden hat und durch seine Verfügbarkeit bei großen Streaminganbietern nun auch die Chance hat ein breiteres Publikum zu erreichen. Es sind Filme wie diese, die ihren Teil dazu beitragen, dass Menschen Filme abseits der großen Hollywoodblockbuster entdecken. „Memories of a Murder“ erzählt seine Geschichte anders. Erzählt seine Geschichte nicht in typischen Hollywoodmustern. Und genau darum ist der Film eine Empfehlung. Trotz der genannten Schwächen, denn die Stärken überwiegen. Natürlich muss man für einen Film wie diesen eine gewissen Aufgeschlossenheit mitbringen. Ich muss mir als Zuschauer bewusst sein, dass mich mit diesem Film kein „Gute Laune“-Kino erwartet. Mich darauf einstellen, dass ich Szenen zu sehen bekomme, die durchaus „weh tun“. Dinge, die nicht jeder Zuschauer schafft, was sicher dazu führt, dass so mancher Zuschauer den Film nicht bis zum Ende schaut. Doch eines ist sicher, alle die sich auf das koreanische Kino einlassen können werden bei „Memories of a Murder“ mit einem Film belohnt, der nachwirkt, der nach dem Abspann nicht nur ein weiterer gesehener Film ist. Man liest es vielleicht aus dieser Rezension raus, dass „Memories of a Murder“ überzeugen konnte und genau deswegen sollte auch klar sein, was Ihr nun tun solltet. Genau! Schaut Euch „Memories of a Murder“ an. Überzeugt Euch selbst davon, wie vielschichtig und spannend dieser Film ist. Fiebert selbst mit den Ermittlern mit und rätselt wer die Taten begangen hat. „Memories of a Murder“ ist sicher kein einfacher Film und auch kein „Feel Good“-Film, aber ein mehr als sehenswerter Film.

Ich hoffe, euch hat dieser etwas andere Beitrag gefallen und nochmal vielen Dank an meine zwei Mit-Autoren für die großartige Hilfe bei dieser Kritik. Gerne könnt ihr jetzt noch eure Meinung zum Film und zu der Kritik in die Kommentare hauen!

Ansonsten sehen wir uns schon am Sonntag zum nächsten Beitrag wieder (eine kleine Blogaktion) und am Ende des Monats brauch ich eure Hilfe für den hoffentlich höllisch-guten November-Beitrag, aber dazu an anderer Stelle mehr…

Die Monatsbeiträge 2021:

7 Comments

  1. Den habe ich mir letztens erst zum zweiten Mal angeschaut, ich fände noch interessant, inwiefern sich eure Wahrnehmung des Films untereinander unterscheidet, was man hier ja nur ein wenig zwischen den Zeilen erahnen kann. Für viele der von euch angesprochenen Punkte finde ich den Film ebenfalls interessant, der größte Fan werde ich aber wohl nicht mehr und es ist ja schon krass, wie hoch der bei Letterboxd bspw. gerankt ist. Wäre spannend zu erfahren, ob ihr findet dass er sich zurecht bei den besten Filmen einreiht.

    Übrigens handelt es sich bspw. bei Kang-ho oder Joon-ho um die zweisilbigen Vornamen, was in etwa so ist, als würde man in einem Text über Steven Spielberg den guten Mann immer nur mit Steven referieren 😀 Nur als kleiner Hinweis

    Gefällt 1 Person

    1. Ich glaube, dass wir alle den Film ganz gut finden und daher ist es relativ schwierig hier große Unterschiede rauzulesen. Beim nächsten Mal brauch ich einen Film mit mehr Sprengkraft 😀 Gebe dir übrigens Recht, finde den auch etwas overrated, auch wenn ich den immer noch ziemlich gut und unterhaltsam fand.

      Ne, das stimmt schon. Wir sind natürlich mit dem guten Joon-Ho und Steven per-du 😉

      Gefällt 1 Person

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