Im Film-Himmel – Tag 2: Die Jagd

7 Tage – 7 Filme – 7 Striche auf meinem „Pile of Shame“. Herzlich Willkommen zum zweiten Tag im Filmhimmel! Heute geht es um einen dänischen Film von Thomas Vinterberg, der immerhin 2014 für den Auslandsoscar nominiert war. Mein Umfeld hat mir den Film schon seit längerem ans Herz gelegt und an dieser Stelle möchte ich mich bei den Leuten für einen zerstörten Abend bedanken.

Es gibt so Filme, da hat man schon eine gewisse Vorahnung, dass man nicht mit einem breiten Lächeln den Abspann sieht. Das liegt aber anders wie hier schon zweimal angedeutet, nicht an der Qualität, sondern an der Thematik. In „Die Jagd“ bzw. „The Hunt“ bzw. „Jagten“, geht es um den Kindergärtner Lucas. Dieser hat sich von seiner Frau getrennt, aber es geht so langsam aufwärts. Der Job macht ihm Spaß, der Sohn will zu ihm ziehen und eine neue Frau tritt auch in sein Leben. Übrigens: Sollte ich jemals eine Ex-Frau haben, dann bringe ich meinem Hund auch bei, immer zu bellen wenn der Name fällt. Die Idylle in der kleinen Stadt erlischt jedoch schnell, weil ein Kind den Erzieher beschuldigt, sexuell misshandelt wurden zu sein. Ab diesem Zeitpunkt beginnt das, was man allgemein als „Hexenjagd“ bezeichnet. Für alle Erwachsenen ist schnell klar, dass Lucas schuldig sein muss. Er verliert seinen Job, seine ehemaligen Freunde meiden ihn, er wird bedroht und die Gewaltspirale dreht immer weiter auf und drängt unseren Protagonisten in die Ecke. So weit, so unschön. Aber sehen wir hier mehr als ein plumpes Drama über einen Menschen, der unter falschen Beschuldigungen immens leidet?

Machen wir es ausnahmsweise kurz: Ja, „Die Jagd“ ist ein großartiges Drama und zeigt die Dummheit verzweifelter Menschen in Perfektion, gleichzeitig wird hier sogar mehr als zwei Seiten derselben Medaille betrachtet. Auch wenn der Fokus ganz klar auf dem Leiden von Lucas liegt, scheut sich der Streifen nicht, auch andere Sichtweisen zu zeigen, ganz ohne irgendwelche unnützen Ratespiele wie „War es wirklich?“. Wir sehen die Eltern, die vielleicht sehr schnell eine festgefahrene Meinung haben, aber ja auch nur ihre Kinder schützen wollen. Selbst zu einem Zeitpunkt, wo die Indizien gegen die Aussagen der Kinder sprechen, können die Erwachsenen nicht mehr aus ihrer Haltung raus und versuchen sich gegenseitig Recht zu geben, um sich bloß nicht mit anderen Wahrheiten auseinander zu setzen. Wir sehen Lucas Sohn, der irgendwie versucht zu helfen, genauso wie sein Patenonkel, der als Außenstehender die Situation richtig beurteilt. Dann haben wir noch das Kind, dass natürlich diese Lage gar nicht richtig fassen kann und von den Eltern (wenn auch unbewusst) weiter in die Lüge gelenkt wird. Nur die Polizei findet in diesem Film eine sehr abgegrenzte Rolle, aber das wäre vielleicht auch zu viel des guten. Über allen schwebt die Hauptfigur, brillant gespielt von Mads Mikkelsen! Der Charakter ist einfühlsam und nahbar für das Publikum. Er startet keinen Rachefeldzug, ist sehr lange nicht komplett zerstört durch die Situation und verhält sich allgemein so, wie sich ein zurückhaltender Mensch verhalten würde. Hier passen Charakterzeichnung und –darstellung einfach perfekt zusammen. Ich möchte aber auch erwähnen, dass die Nebenfiguren alle samt auch hervorragend verkörpert werden, allen voran „der beste Kumpel“ gespielt von Thomas Bo Larsen.

Ihr merkt schon, so wirklich viel zu meckern habe ich gar nicht, aber 100% rund haben sich die zwei Stunden dann doch nicht angefühlt. So kommen die ersten Minuten nur schwer in die Gänge, wenn man schon weiß worauf das Ganze hinausläuft. Ebenso hätte ich den einen oder anderen Tränendrüsen-Moment nicht unbedingt gebraucht und vom Ende weiß ich noch nicht so ganz genau, was ich davon halten soll. Von der Inszenierung und Darstellung her, kann ich mal wieder nichts Schlechtes finden, aber das Drehbuch will dann doch etwas zu viel. Allgemein würde ich das Drehbuch als größte Schwäche ansehen, aber versteht mich nicht falsch: Das ist meckern auf sehr hohem Niveau. „Die Jagd“ ist, mit minimalen Abstichen in der B-Note, ein packendes Drama, das wirklich alles aus seiner Prämisse rausholt. Mads Mikkelsen ist in Höchstform, ebenso wie Vinterberg und der ganze Cast. Für bessere Laune nach dem Film, empfiehlt Doktor Lufio euch aber danach mindestens zwei Stunden lang lustige Katzenvideos anzusehen, damit der Hass auf die Spezies Mensch etwas abflauen kann.

Die Film-Himmel-Woche:

8 Comments

  1. Endlich hast du diesen Film gesehen^^
    Stimme nahezu allem zu, wenn dir die Multiperspektivität gefallen hat, wirst du Vinterbergs dänischen Filme alle mögen. Das Ende empfand ich damals bei der Sichtung als einzigen Schwachpunkt, inzwischen denke ich da ein wenig anders drüber.

    Gefällt 1 Person

    1. Ich wurde ja quasi dazu gedrängt 😀
      Das Ende fand ich jetzt nicht katastrophal, ein komplettes Happy End (oder das Gegenteil) wären durchaus enttäuschender gewesen. Diese falsche Fröhlichkeit im Jagdschloss war genial! Da hätte man enden können…

      Gefällt 1 Person

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