Japanuary 2021 – Teil 1

Der Januar ist zwar schon fast wieder vorbei, aber noch bleibt genug Zeit um bei der Japanuary Aktion mitzumachen. In zwei Beiträgen wird es in diesem Blog um acht japanische Spielfilme gehen. Den Auftakt machen vier Werke vom legendären Studio Ghibli, teils im Re-Watch und teils als absolute Premiere für mich.

Spirited Away (2001)

Der berühmteste, weil Oscar-prämierte, Film von Ghiblis Mastermind Hayao Miyazaki ist „Spirited Away“ bzw. im deutschen „Chihiros Reise ins Zauberland“. Auch wenn der Titel hierzulande zwar das Märchen-Setting aufgreift, so sehr suggeriert er auch, dass dieses Abenteuer ein reiner Kinderfilm ist. Zugegeben, „Chihiro“ hat eine Altersfreigabe von 0 Jahren, aber spätestens bei der Szene wo sich die Eltern zu Schweinen verwandeln, hätte ich als Kind mal einen besorgten Blick zu den Erziehungsberechtigten geworfen. Auch blutüberströmte Drachen und fressende Geister sind wohl weniger was für die ganz kleinen. Im Gegensatz dazu, wird die magische Welt wohl Jung und Alt begeistern. Ich habe den Film jetzt zum dritten Mal (wissentlich) in meinem Leben gesehen und will eigentlich gar nicht mehr raus. Warum gibt es keine Serie wie „Immer Ärger im Geister-Zug“ oder „Das Badehaus am Meer“? Hier gibt es so viel Material für Sequels, Prequels, Sidequels, Spin offs und was es noch so alles gibt. Wir bekommen jedoch nur einen zweistündigen Einblick, dazu die wichtigsten Regeln der Welt, eine handvoll Charaktere und eine fast schon episodenhafte Geschichte, in der Regisseur Miyazaki mit den Gästen im Badehaus auch seine Lieblingsthemen mit reinbringt. Dazu kommt eine Niedlichkeit und Witzigkeit an allen Ecken und Enden – allen voran verkörpert durch die heimlichen Stars des Films: Die Rußmännchen. Wirklich kritisieren kann ich „Chihiro“ eigentlich erst, wenn es zum Ende hin geht. Versteht mich nicht falsch, auch hier gibt es großartige, lustige und kreative Szenen, aber allgemein bin ich mit den Schlusssequenzen eher unzufrieden. Zu schnell, zu einfach, irgendwie ohne richtigen Höhepunkt schließt der Film ab. Es ist war ein interessanter Ansatz, einen Film ruhig austrudeln zu lassen, anstatt nochmal eine Feuerwerk abzubrennen, aber irgendwie fehlte mir da ein richtiges „Finale“. Ebenfalls merkwürdig sind manche Charakterumkehrungen in den letzten Minuten. Auch wenn das letzte Drittel nicht mehr ganz das Niveau von vorher erreicht, bleibt „Chihiros Reise ins Zauberland“ ein magischer Film mit dem Herz am rechten Fleck, Charakteren für die Ewigkeit und einer Welt, von der man sich nur ungern nach dem Film verabschiedet.

Mein Nachbar Totoro (1988)

Während der oben genannte Film vielleicht der berühmteste des Studios ist, kommt wohl kein Wesen aus Ghiblis Welt an den Beliebtheitsstellenwert von „Totoro“ ran. An dieser Stelle bin ich froh, dass es bei einem schriftlichen Text keine Diskussionen geben kann, wie der Name denn wohl richtig ausgesprochen wird. Ich persönlich versuche ihn so auszusprechen wie im putzigen Titellied und scheitere dabei eigentlich immer kläglich. Aber zurück zur Kritik. Ich habe „Mein Nachbar Totoro“ das letzte Mal als Kind gesehen und fand ihn damals relativ schwach, ja fast schon langweilig. Klar, das titelgebene Monster liebt jeder und nur das Fellbüschel würde ich auch als mein persönliches Spirit Animal anerkennen, aber die alte Grinzebacke kommt doch relativ selten vor. Die Szenen wo Totoro vorkommt, sind dann natürlich auch Gold wert. Allein die Minuten an der Bushaltestelle, haben mich damals als Kind und heute als Erwachsener begeistert. Trotzdem kann nicht nur Totoro den Film auf seinen, zugegeben sehr großen, Schultern tragen. Im Mittelpunkt steht eigentlich die Geschichte der zwei Schwestern, die ihre Kindheit ausleben wollen und gleichzeitig Angst davor haben müssen, dass ihre Mutter stirbt. Der Grad der Krankheit wird dabei nie offenbart, was ein genialer Schachzug ist, denn wir sehen die kompletten Film aus Sicht der Kinder und die würden mit dem Namen der Krankheit so wenig anfangen können, wie wir mit japanisch. Außerdem ist mir heute klar, warum ich große Teile der Szenen so langweilig fand. In „Mein Nachbar Totoro“ werden größtenteils Szenen einer Kindheit gezeigt, wo hinter jedem Tag ein neues Abenteuer steckt. Selbstverständlich zeigte mein junges Ich dagegen Desinteresse, weil ich dafür keinen Film brauchte. In Wäldern spielen, „Geheimgänge“ finden, phantastische Geschichten im eigenen Garten erfinden usw. Das war ja damals quasi mein Lebensinhalt, da schaute ich lieber Filme an, die mir Welten gezeigt haben die ich nie betreten werde wie z.B. „Star Wars“. OK, ich wäre als Kind auch nie nach Japan gereist, aber ihr wisst was ich meine. Aus heutiger Sicht ist „Totoro“ ein fast schon melancholischer Blick auf eine Zeit, wo es eigentlich keine Probleme gab, es sei denn die Erwachsenen gaben einem Grund zur Sorge. Natürlich muss man dazu sagen, dass der aktuelle Lockdown dieses Gefühl nach kindlicher Freiheit nochmal verstärkt hat. Auch wenn „Totoro“ manchmal etwas zäh ist und sein Potenzial jetzt vielleicht nicht zu 100% ausnutzt, komm ich einfach nicht drum herum, diesen herzlichen und authentischen Blick in eine Kindheit zu würdigen, wo sich bestimmt viele selbst wieder finden. Gepaart mit den genialen und pointiert eigesetzten Szenen mit Totoro, ergibt sich ein Film, den man vielleicht erst würdigen kann, wenn man aus der Zielgruppe heraus gealtert ist.

Das Schloss im Himmel (1986)

Der dritte Ghibli-Film in diesem Beitrag hört auf den Namen „Das Schloss im Himmel“ (Nicht zu verwechseln mit „Das wandelnde Schloss“) Im ersten Miyazaki-Schloss-Streifen geht es um einen Flugstein und dessen Trägerin, der Prinzessin vom titelgebenen Königreich in den Wolken. Diese wird verfolgt von der Armee eines nicht näher bekannten Landes und von Piraten. Auf ihrer Flucht trifft sie einen Jungen, der ihr hilft zu ihrer „Heimat“ im Himmel zurückzukehren. Allgemein ist dieses zweistündige Werk ein reiner Abenteuerfilm wie er im Buche steht. Aufgepeppt wird das Ganze mit klassischen Miyazaki-Themen wie Umweltschutz, Krieg und der Gier des Menschen. Doppelte Böden und tiefe Charaktere solltet ihr aber nicht erwarten. „Das Schloss im Himmel“ unterteilt (mit kleiner Ausnahme einer Fraktion) ganz klar in Gut und Böse, die Twists riecht man meilenweit gegen den Wind und die Verspieltheit ist nicht ganz auf dem Niveau anderer Werke des berühmten Studios. Dafür ist die Gagquote relativ hoch und die Story ist so beschwingt wie sie für einen 80er Jahre Abenteuerfilm nur sein. Großartig was anderes kann ich dazu gar nicht schreiben. Der Film ist weit weg davon schlecht zu sein, fällt nur im Vergleich zu anderen großen Filmen wie „Mononoke“ und Co. einfach ab. Wer Lust hat auf einen guten Abenteuerfilm, mit spaßigen Momenten und kaum Längen, der ist hier genau richtig. Wer „Ghibli“ und „Miyazaki“ hört und direkt eine andere Erwartungshaltung hat, sollte diese aber besser etwas zurückschrauben. Wem das gelingt, erwartet ein kurzweiliger Filmabend, der auch für die jüngeren Zuschauer sehr gut (vielleicht sogar als Anime-Einstieg) geeignet ist.

Porco Rosso (1992)

„Och, wie niedlich“ könnte man meinen, wenn man die Geschichte von „Porco Rosso“ zum ersten Mal hört. Es geht um ein Schwein, was natürlich eigentlich ein Mann ist und Leidenschaft fürs Fliegen hat. Dazu noch eine unerfüllte Liebe, einen schmierigen Widersacher, eine tollpatschige Piratenbande und eine taffe Flugzeug-Ingenieurin – Fertig ist ein weiterer Film nach märchenhafter Formel von Studio Ghibli. Naja wäre da nicht eine klitzekleine Kleinigkeit: Der Film spielt im faschistischen Italien der 30er Jahre! Ein Kinderfilm mit Mussolini-Hintergrund sieht man wirklich nicht alle Tage, vor allem weil der Streifen alles abseits des Settings super locker leicht nimmt. Es gibt kleine und große Gags am laufenden Band, die oben angesprochene Märchen-Erzählung und auch die Bösewichte sind eher Sidekicks mit Knick im Revolver. Der Faschismus läuft also eher so nebenbei mit und ist doch allgegenwertig bspw. wenn die Flugzeug-Reparatur kaum bezahlt werden kann, weil das Geld nichts wert ist oder wenn Titelfigur Marco davon erzählt, dass die Bewohner der wunderschönen Adria eigentlich bettelarm sind und ihre Jobs verlieren. Dieser bedrückende Hintergrund hält Regisseur Miyazaki natürlich nicht davon ab, die flockige Handlung vom fliegenden Schwein zu erzählen. „Porco Rosso“ ist wie eine Gute-Nacht-Geschichte mit der Kinder viel Spaß haben können. Den Erwachsenen gibst du dann noch ab und zu das wahre Setting mit, damit der Film sich von belangloser Unterhaltung abhebt und das Ganze einen tieferen Sinn bekommt. Und wem das noch nicht reicht, der freut sich an dem emanzipierten Frauenbild im Film oder fiebert bei den großartig gezeichneten Luftkämpfen mit. Nur an den stellenweisen Tempoeinbrüchen könnte man sich stören oder an der sehr ambivalenten Hauptfigur. Dieser wird mir aber immer positiv im Gedächtnis bleiben für den Satz: „Lieber ein Schwein, als ein Faschist“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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