Film Wichteln #15

„Eigentlich ’ne coole Sache, mal schauen, welchen Film ich bekomme“, dachte ich, als ich Marius die Teilnahme an seiner Weihnachts-Filmwichtel-Aktion zusagte. Als dann Mitte November die Mail reingeflattert kam, in der ich über mein „Geschenk“ aufgeklärt wurde, war diese Freude schnell verflogen: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ – ernsthaft? Diese Ausgeburt des Märchen-Kitsches, die ich in meiner Kindheit schon etliche Male gesehen hatte, die mich in meiner Jugend und Zeit als junger Erwachsener wie ein Phantom verfolgte? Dieser Weihnachtsfilm, der eigentlich nie ein Weihnachtsfilm sein sollte? Der so viel Substanz hat wie ein entkerntes Einfamilienhaus? Als mir dann auch noch mitgeteilt wurde, dass mein Text ausgerechnet am 24. Dezember erscheinen solle, wuchs der Erwartungsdruck ins Unermessliche. Sollte ich wirklich einfach nur ein paar Absätze zu diesem mittelprächtigen Stück Ostblock-Filmgeschichte abliefern und damit diese eigentlich so tolle Aktion auf einer ätzend-nöligen Note enden lassen? „Nein“, dachte ich mir, „da muss doch mehr drin sein.“ Ich rief deshalb meine Mutter – ausgewiesene Expertin in Sachen kritischer Analyse von Filmen und überhaupt so ziemlich allem, was diesseits des Eisernen Vorhangs geschaffen wurde und jemals existierte – an. Wäre alles normal in diesem Jahr, hätte den Film mit ihr zusammen auf der Couch geschaut (ausschließlich für diese Aktion, wohlgemerkt!). Im Lockdown mussten wir kreativ werden. „Netflix Party“ lautete das Stichwort. Eines Samstagabends starteten wir den Film parallel auf unseren Fernsehern, dazu Telefonkonferenz, ich Stift, Notizblock und eine Flasche Weißwein neben mir. Im Folgenden das Protokoll, das im Laufe dieser 86 Minuten entstand.

[0:00:01] Der Film startet, mit tüdelig lallender Glöckchen-Musik. Bilder eines mittelalterlichen Hofes, auf dem die Vorbereitungen für die Ankunft des Königs laufen. Menschen stromern wild umher, tragen Sachen herum. Erster Aufreger für meine Mutter: „Warum laufen die so sinnlos rum? Was sind das für Pizzen?“ Ich versuche ihr zu erklären, dass die Menschen arbeiten – meine Argumente prallen an ihrer Hassliebe zu diesem Film (auch wenn sie vehement behauptet, es sei ausschließlich Hass) ab, verstärken sie sogar noch weiter. Backfire-Effekt nennt man das in der Psychologie, glaube ich.

[0:01:04] Auftritt der bösen Schwiegermutter. Oder, wie meine Mama sie nennt, „die Frau, die den Laden im Griff hat“ und mit ihrem Ballon-Hut „modisch ganz weit vorne“ sei. Die gute Frau steht auf einem Balkon und harrscht ihre Untertanen an – eine despotische Herrscherin, die ihre diktatorischen Qualitäten im Laufe des Films noch unter Beweis stellen wird.

[0:01.27] Auftritt Aschenbrödel. Wer es – warum auch immer – nicht weiß: Das hier ist im Prinzip die Geschichte von Cinderella oder, für alle Biodeutschen, Aschenputtel, die aus ihrem jämmerlichen Dasein einen Ausweg findet, indem sie sich einen reichen, wohlhabenden Kerl schnappt, der ihr fortan ihren Lifestyle finanziert. Das ging damals auch ganz ohne Tinder oder RTL.

[0:03:57] Zurück zur Hauptfigur, zu der meine Mutter eine eindeutige Meinung hat: Sie sei ein „Trampel“ und hinterhältig, das beweise schon der verstohlene Blick, den sie aufsetzt, als sie sich vom Hof in den Stall schleicht. „Die soll arbeiten und haut einfach ab!“, eskaliert es auf der anderen Seite des Telefons. Recht hat sie ja irgendwie…

[0:06:50] In der Küche entbrennt ein erster Streit zwischen Aschenblödel und ihrer Stiefmutter. Letztere foltert erstere mit Aufgaben, die ungefähr so sinnvoll sind wie weihnachtliches Klopapier mit Schneeflockenmuster . Meine Mutter hingegen sieht den pädagogischen Mehrwert darin: Aschenbrödel sei „ein trotziger, verwöhnter Teenager“ und brauche einfach nur Disziplin. Ich versuche mich angesichts dieser Worte an meine eigene Jugend zu erinnern, leere aber lieber das erste Glas Wein.

[0:09:10] Die Stiefmutter verteilt diverse kohlenhydrathaltige Nahrungsergänzungsmittel auf dem Boden, Aschenbrödel soll sie sortieren. Also doch eine Karriere als Lageristin? Eine Kohorte Tauben fliegt durchs Fenster hinein und nimmt dem Aschenblödel die Arbeit ab. Outsourcing gab’s damals schon. Dann eben Abteilungsleiterin.

[0:10:17] Aschenbrödel redet mit einer Katze. Überhaupt redet sie mit sehr vielen Tieren: Tauben, Hunden, Pferde, Eulen, Pantoffeltierchen… entweder hat das Mädel Probleme im Kopf oder ist einfach nur sehr mitteilungsbedürftig. Meine Mutter spricht von „Naturverbundenheit“ – und baut damit eine Fallhöhe für später auf.

[0:14:37] Nach einem Zwischenstopp an ihrer Waldhütte, in der sie eine offensichtlich schwer verstörte Eule als Geisel hält, reitet Aschenknödel über Wiesen und durch Wälder. „Die hat nüscht aufm Kopf!“, merkt meine Mutter zu Recht an. Als das Mädel eben jenen Kopf verträumt schwanken lässt (meiner tut es allmählich auch) und es so scheint, als ob sie gleich vom Pferd fällt, folgt sogleich der nächste Ratschlag: „Die soll nach vorne gucken!“ Währenddessen la-la-la-lallt die Musik.

[0:16:02] Jetzt wird’s kritisch: Aschenbrödel begegnet dem Prinzen und seinen beiden Spießgesellen im Wald. Sie sieht einen Adeligen mit Armbrust, meine Mutter einen Florian Silbereisen in Strumpfhosen, der sich gefälligst outen solle.

[0:17:00] Nachdem Bambi von Aschenknödel durch einen gezielten Schneeball vor einem grausigen Tod gerettet wird, entbrennt eine Verfolgungsjagd, bei der sich die Strumpfhosenschürzenjäger reichlich dämlich anstellen. Und in deren Verlaufe es zu Anschlussfehlern kommt, die selbst einem Achtjährigen auffallen. Derweil werde ich über den im Film zu sehenden Schnee aufgeklärt: Da kaum echter lag (der Film sollte ohnehin ursprünglich im Sommer gedreht werden, weshalb sein Status als Weihnachtsklassiker umso paradoxer ist), wurde Kunstschnee genommen, der zum Teil aus Fischmehl bestand. Hat bestimmt super gerochen. Wusste ich zwar schon, aber Wiederholung schadet ja bekanntlich nicht.

[0:21:32] Zurück auf dem Hof. Die Stiefmutter erschleicht sich rhetorisch geschickt eine Einladung zum Ball („Ich habe mal davon geträumt, eingeladen zu werden…“ ) – Aaron Sorkin hätte das nicht besser schreiben können. Meine Mutter lobt die Matriarchin für ihr politisches Geschick. Ich leere derweil das zweite Glas.

[0:27:35] Szene im Thronsaal. Die Outfits. Ich verschlucke mich am Wein.

[0:30:42] Der Prinz tollt mit seinen zwei Kumpanen im Schnee. An der Silbereisen-Theorie scheint was dran zu sein.

[0:33:38] Aschenplödels beleibte Stiefschwester Dorchen kleidet sich für den Ball. Wie eine Zwölfjährige beschwert sie sich, dass weder Spitze noch Brosche vorhanden seien. In meinen Augen ist sie die trotzige Teenagerin, nicht Aschentrödel. Meine Mutter kontert: „Na für den Ball muss halt alles sitzen!“ Stimmt auch irgendwie.

[0:35:17] Der Wendepunkt: Aschenblödel schnappt sich einen Besen und wirbelt so kräftig damit herum, dass Asche und Staub im gesamten Raum verteilt werden und das Kleid der Stiefschwester eingesaut wird. Okay, spätestens jetzt bin ich bei meiner Mutter. Das dritte Glas ist halbleer.

[0:37:06] Aschenplödel entdeckt in einer von drei Haselnüssen ein Jäger-Outfit. Berechtigter Einwand von der anderen Seite des Telefons: „Zeig mir eine Frau, die die anderen beiden da noch für später zurückgelegt hätte!“ Das Mädel schmeißt sich in Schale (also nicht in die der Haselnuss, sondern in das Outfit), hat auf einmal kurze Haare und geht deshalb als Junge durch. Crossdressing Mittelalter-Style.

[0:39:40] Der Prinz und seine Bagage von Adelsheuchlern jagen einen Fuchs, das Tier wird qualvoll hingerichtet und vor Blut strotzend stolz in die Kamera gehalten. Heute gäb’s für sowas ’ne FSK-16- Freigabe, im Ostblock galt das als kindgerechnet. The times they are a-changin’…

[0:40:22] Wer einen Raubvogel erlegt, dem wird irgendein toller Siegelring versprochen. Alle versagen, nur Aschentuttel gelingt der One-Hit-Kill. Jetzt wird die Fallhöhe eingelöst: Die ach so tierliebe Heldin wird aus reinem Narzissmus zur Tiermöderin. Konfrontation mit dem Prinzen, der das Gör für einen Jungen hält. Meine Mutter spricht von einem „Funkeln in seinen Augen“. Die Silbereisen-Theorie verhärtet sich.

[0:51:17] Der Ball – Höhepunkt der Dramaturgie, der Emotionen und des Bodyshamings. Der Prinz hat so gar keinen Bock, mit den Frauen zu tanzen, meine Mutter beklagt – zu Recht –, dass das beleibte Kleinröschen, mit dem es letztlich aufs Parkett geht, vor aller Augen der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Ich versuche derweil herauszufinden, an welchen Schauspieler mich der Prinz erinnert. Nach dem vierten Glas kommt der Geistesblitz: Nicolas Hoult. Während der ganzen Chose

höre ich wiederholte Klagen darüber, der Filme mache sich über dicke Frauen lustig. Und da war ja auch noch dieser kleinwüchsige Hofnarr. Wolfgang M. Schmitt sieht hier einen Film über Umverteilung, Geschlechter- und Klassengerechtigkeit, wir ein politisch inkorrektes Machwerk, das sich über Menschen lustig macht, die nicht der gängigen Körpernorm entsprechen.

[1:00:31] Taschenhuttel setzt sich einen Mundschutz auf, bevor sie den Prinzen trifft. Ist zwar gut meint, aus Infektionsschutzgesichtspunkten aber viel zu spät. Wollte wohl vorher die ganzen gierigen Blicke der alten Männer abgreifen, was ihr, why the fuck auch immer, tatsächlich gelungen ist. Besser als die anderen Damen auf dem Ball sieht sie jedenfalls nicht aus. Und jetzt kommt mir nicht mit inneren Werten!

[1:03:46] Drei Minuten Tanz und schon behauptet dieser Hoschi-Prinz, er hätte sich in Haschenfuttel verliebt, obwohl er weder ihr Gesicht gesehen noch ihren Charakter kennengelernt hat. Spätestens jetzt sind meine Mutter und ich uns einig: Was ein oberflächlicher Kotzbrocken!

[1:06:44] Aschenkuttel flieht von der Party – bei der Musik verständlich – und verliert auf der Treppe ihren Schuh. Anstatt ihr hinterherzulaufen, hebt der Döskopp-Prinz ihn auf und glotzt der davonreitenden geheimnisvollen „Schönheit“ hinterher.

[1:10:01] Statt die drei Rätsel zu lösen, die Kaschenmuttel ihm auf dem Ball aufgegeben hat, um ihre Identität zu entschlüsseln, will der Prinz bei allen Frauen auf dem Hof den Deichmann-Test durchziehen. Spätestens jetzt ist klar, dass der Kerl nicht die hellste Kerze auf der Torte ist, sondern ein nasser Docht.

[1:20:41] Der Prinz und Flaschenblödel reiten verliebt durchs Fischmehl. Schon wieder schallert die Musik, alle lallen mit, die Flasche ist leer. Meine Mutter resümiert: „Dieser Film ist zum Kotzen.“ Die „Mär“, dass alle in der DDR den jedes Jahr zu Weihnachten geguckt hätten, streitet sie vehement ab: „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir das gemacht haben.“ Ich entgegne: „Kannst du für alle Leute in der DDR sprechen oder nur für unsere Familie?“ Ihr Antwort: „In der DDR waren wir alle gleich.“ Touché.

Und damit: Fröhliche Weihnachten!


Übersicht aller Filme auf apokalypsefilm.com/wichteln

Wichtelfilm wurde ausgewählt von Steffelowski

Text wurde geschrieben von Audio/Visuell

11 Comments

  1. Haha!
    Das schönste Geschenk wird also am Ende überreicht. Toller Text, Christian. Hat echt Spaß gemacht ihn zu lesen. Dir natürlich, wie allen anderen auch, fröhliche Weihnachten. Und Marius, dir natürlich auch noch mal danke für die Organisation dieser tollen Aktion.

    Gefällt 5 Personen

  2. Kurz und knapp, ohne sich in Details zu verlieren. Sehr schön auf den Punkt. Deine Frau Mutter scheint ja ein lustiger Vogel zu sein😊 Wann kommt denn ihr Beitrag?
    Allen -und ganz besonders dem Oberwichtel Marius- schöne Feiertage🎅🎄Eine schöne Aktion, die gern wiederholt kann… und das nicht zur Weihnachtszeit 🎻🎼🎹

    Gefällt 3 Personen

  3. Wirklich ein toller Beitrag…hab mich köstlich amüsiert 😂! Die Frau Mama darf ruhig öfter mal als Gastkritikerin zu Wort kommen 😉.

    Danke auch an Marius für die Organisation und die tolle Idee, war wirklich eine sehr schöne Aktion.

    Und damit wünsche ich dann noch allen frohe Weihnachten und ein schönes Fest!

    Gefällt 1 Person

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