Film Wichteln #6

Kunst darf alles! Oder?

Ihr habt noch nie von „Performaniax“ gehört? Ich auch nicht – bis ich über diese Aktion von Apokalypse Film gestolpert bin, wo mir eben dieser Streifen zugelost wurde. Übrigens, ganz unabhängig von untenstehender Bewertung: Die Wichtel-Idee ist definitiv eine gute Sache, finde ich! Danke dafür (ob ich das wohl auch schreiben würde, wenn ich „50 Shades of Grey“, einen Uwe Boll oder gar „Legenden der Leidenschaft“ bekommen hätte?) an Apokalypse Film! Als gelesen habe, was mir zugelost worden war, war ich zunächst ratlos. Ein deutscher Film, noch dazu independent? Eine Handlung, die im Theater angesiedelt ist, dessen Backstage-Bereich mich maximal am Rande interessiert? Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, auch, nachdem ich die Bewertungen auf Amazon Prime (dort ist der Film für lau zu sehen) überflogen hatte. Ganz konnte „Performaniax“ meine Vorurteile letztlich zwar nicht zerstreuen – um einen Totalausfall handelt es sich jedoch auch nicht.

Handlung in Kurzfassung
Schauspielerin Emily Ahrens tut sich schwer, einen Job zu finden – bis sie auf eine merkwürdige Truppe von Performance-Künstlern trifft, die sie in ihren Kreis aufnimmt. Bald merkt die junge Mimin, dass ihre neuen Kollegen eine ganz eigene Vorstellung von künstlerischer Freiheit haben…

Es ist schon eine merkwürdige Kombination, die „Performaniax“ zu bieten hat: Der Film ist mit einfachsten Mitteln gedreht, was man an allen Ecken und Enden merkt. Gleichzeitig entspinnt sich die Handlung um eine sehr spezielle Form des Theaters, in dem das Publikum selbst zum Teil der Performance wird. Die Zielgruppe für ein solches Thema, dargeboten in dieser Form, dürfte relativ überschaubar sein – ich kann mir kaum vorstellen, dass hierfür eine signifikante Zuschauerschaft gibt, von einem eventuellen Erfolg in der breiten Masse ganz zu schweigen. Ich gehe aber ohnehin nicht davon aus, dass kommerzielle Erwägungen eine große Rolle bei den Verantwortlichen gespielt haben.

L’art pour l’art.

Die zentrale Frage, die „Performaniax“ stellt, klingt relativ simpel – und steht im Titel der Rezension: „Was darf Kunst?“ Die Antwort geben die Figuren im Film gleich mehrfach: „Kunst darf alles!“ Klingt im ersten Moment einleuchtend und eindeutig – ist es aber natürlich nicht. Denn selbstverständlich gibt es in unserer Gesellschaft Grenzen, die auch die Kunst nicht überschreiten darf. Dass das einzelnen Kunstschaffenden ein Dorn im Auge sein mag, kann ich mir durchaus vorstellen. Und so geht es auch der obskuren Theatergruppe, die im Mittelpunkt von „Performaniax“ steht. Die Folge: Das von der Truppe einstudierte, namenlose Stück, in dem das Publikum zum Mitmachen animiert wird, steigert sich stetig. Das reicht von vermeintlichen Rede- und Denkverboten (Rassismus, Homophobie, Sex, Körperfunktionen) über die Verabreichung von Drogen bis hin zur Tötung von Tier und Mensch auf offener Bühne.

Eine eindeutige Antwort auf die oben gestellte Frage gibt es indes nicht – im Gegenteil: Am Ende bleibt offen, ob das Gesehene real oder tatsächlich nur eine morbide Performance mit guten Spezialeffekten war. Insofern wird der Zuseher auch nach dem Genuss von „Performaniax“ selbst überlegen müssen, was Kunst eigentlich (dürfen) darf.

Diese durchaus interessante Thematik macht gefühlt übrigens nur die Hälfte der Laufzeit von rund 75 Minuten aus. Der Rest erzählt, ich nehme an (bzw. hoffe!) stark überzeichnet, vom Alltag der Neuen in der Theatergruppe. Dabei kommen Themen wie das Casting junger Talente, die dringend eine Rolle suchen (Würdest du dich ausziehen? Würdest du für die Rolle 20 Kilo zunehmen?), Clique-Bildung, Konkurrenz- und Elite-Denken zur Sprache. Wie treffsicher und wichtig diese Kritik ist, vermag ich mangels Einblick in die Szene leider nicht zu beurteilen.

Indie-Status zeigt sich in Umsetzung.

Leider können auch die thematisch reizvollsten Inhalte (und die hat „Performaniax“ ja tatsächlich) nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Umsetzung nicht komplett gelungen ist (um es diplomatisch zu formulieren). Das hat viel mit dem Indie-Status des Films und den Eigentümlichkeiten, die das mit sich bringt, zu tun. Rein technisch bedeutet das z. B., dass „Performaniax“ über keinerlei nennenswerte Spezialeffekte verfügt. Hätten wir es mit einer Theatervorstellung zu tun, wäre das kein Problem – bei einer filmischen Inszenierung fällt es deutlich stärker auf; allein schon, weil die Kamera wesentlich näher am Geschehen ist, als es ein Theaterpublikum sein kann. Dazu kommen qualitative Schwankungen bei Bild, Ton und – vor allem – beim Schnitt, der ab und an fast schon dilettantisch anmutet.

Die Leistung der Darsteller, bei denen es sich um Absolventen einer Hamburger Schauspielschule handelt, würde ich hingegen über weite Strecken im Haben verbuchen. Besonders Chiara Lüssow spielt die Hauptrolle durchaus ansprechend. Der Rest des Casts geht immerhin in Ordnung. Schwierig finde ich an dieser Stelle, dass manche Darsteller ständig so agieren und sprechen, wie sie es auf der Bühne tun würden – also relativ laut, mit entsprechender Mimik und Gestik. Ich erlaube mir kein Urteil über die Fähigkeiten der jungen Truppe, wenn es um eine Theatervorstellung geht – vor der Kamera wirkt das wie „Overacting“ und damit zum Teil unfreiwillig komisch. Ich glaube im Übrigen nicht, dass es sich bei diesen Dingen um Stilmittel handelt. Vielmehr wird hier am deutlichsten sichtbar, dass „Performaniax“ durch und durch – ich nenne es mal wohlwollend – semi-professionell ist.

All das ist übrigens eingebunden in einen optisch-akustischen Trip, der wohl psychedelisch wirken soll. Viel Farbe, die an Bühnenbeleuchtung erinnert, stellt das Auge vor eine große Herausforderung – passt irgendwie zum Inhalt, ist aber eher gut gemeint als gut gemacht. Ebenso die Musik, die ich während des Ansehens zwar als recht passend empfand, die aber keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat.

Fazit: Ein Film wie dieser ist für mich grundsätzlich schwer zu bewerten. Ich empfinde Sympathie für Independent-Kram und glaube, dass es wichtig ist, dass auch kleine Produktionen Aufmerksamkeit bekommen. Klassisches Theater mag ich übrigens ebenfalls gern. Und ich wollte auch „Performaniax“ mögen – aber im Endeffekt hatte ich fast ständig das Gefühl, dass dieser Stoff nur auf der Bühne richtig funktionieren kann bzw. dort hingehört. Oder, anders gesagt, dass er auch für einen Film geeignet sein könnte, dieser dann aber eine Spur mehr Professionalität und Budget brauchen würde, um optimal zu wirken.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Performaniax.
Regie: Lars Henriks
Drehbuch: Lars Henriks, Nisan Arikan
Jahr: 2019
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 75 Minuten
Besetzung (Auswahl): Chiara Lüssow, Vanessa Grzybowski, Luisa Höfer, Sophie Riva


Übersicht aller Filme auf apokalypsefilm.com/wichteln

Wichtelfilm wurde ausgewählt von Sneakfilm

Text wurde geschrieben von Weltending

3 Comments

  1. Vielleicht nicht grad etwas für die Feiertage, aber wohl durchaus interessant und (gewollt oder ungewollt) eine -dann auch nicht überlange – Herausforderung. Würde ich mir durchaus ansehen.😊

    Gefällt 2 Personen

  2. Erstmal, schön, dass du dich der Herausforderung Performaniax gestellt hat. Schade, dass der Film nicht so gezündet hat, wie ich mir gewünscht hatte. Das die Gefahr besteht war mir bei der Wahl des Films allerdings schon klar. Einen Film wie diesen mag man einfach oder eben nicht. Ich glaube, da ist wenig Raum für eine Grauzone. Im Gegensatz zu Dir bin ich mir allerdings ziemlich sicher, dass es sich beim dem Overacting um ein Stilmittel handeld und ich glaube auch, dass Lars Hendriks mit großen Budget ganz großartige Filme drehen würde.

    Gefällt 3 Personen

  3. Danke jedenfalls für die Zulosung – war eine ganz eigene Erfahrung. Tatsächlich habe ich aber das Gefühl, dass ich mich schon etwas in der genannten „Grauzone“ bewege. Ich fand den Film wie beschrieben ja überhaupt nicht mies. Aber ich hab mir auch unerwartet schwer damit getan, das gebe ich schon zu. Vielleicht ist genau das das Problem für mich – nicht gut, nicht schlecht, sondern einfach irgendwo dazwischen.

    Gefällt 1 Person

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