Kritik: The Irishman

Nach Jahren in der Produktion ist er endlich da: Martin Scorseses letztes großes Mafiaepos „The Irishman“. Noch einmal will es der Großmeister der Regie wissen und lädt für dieses Projekt die größten Namen des alten Hollywood ein. Doch was können Robert DeNiro, Al Pacino, Joe Pesci und Co. noch leisten? Lohnen sich die 3,5 Stunden? Geniestreich oder ein Abklatsch der Kultfilme? Antworten gibt es hier in dieser (verspäteten) Kritik.

  • Franky goes to Netflix

Wie oben schon erwähnt, dauert die Netflix-Produktion 3,5 Stunden. In dieser Zeit wird das erzählt, was in einem Gangster-Streifen immer erzählt wird: Die Auf- und Abstiegsgeschichte eines Mannes. Auch hier bekommen wir mit, wie Frank Sheeran in die Mafia-Kreise eintaucht, dort Freunde fürs Leben findet und irgendwann in den Strudel der Gewalt gerät. Seine Daseinsberechtigung bekommt der Film durch die Figuren, die (fast) alle reale Personen waren. Die Story wird allerdings rein subjektiv aus der Sicht von DeNiro´s „The Irishman“ erzählt. Die Figur erzählt rückwirkend als alter Mann seinen Lebenslauf und was er mit dem Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa zu tun hat. Dessen Mordfall wurde in der echten Welt nie aufgeklärt und so hören wir Frank über die komplette Laufzeit zu: Wie viel in der Geschichte stimmt und wo beschönigt er vielleicht sein eigenes Leben? Nun könnte man meinen, dass dieser Aufhänger ungefähr so interessant ist, wie Opas Geschichten aus dem Krieg. Mal ganz nett, aber irgendwo hat man das Alles mehr oder weniger schon mal gehört. Meiner Meinung nach muss man da zwischen dem Aufstieg und dem Fall unterscheiden. Die ersten 2,5 Stunden sind brillantes Gangsterkino. Familie X hat Stress mit Clan Y. Frank könntest du ihnen vielleicht mal ne Warnung schicken? Danke dir. So geht’s dann immer weiter. es kommen neue Figuren dazu, alte tauchen wieder auf, das Vertrauen von Oberboss „Russell“ wächst, es gibt wieder neuen Streit usw. Diese typischen Genre-Eigenheiten muss man mögen. Höhepunkt von Franks Karriere ist dann der Job als Leibwächter von Jimmy Hoffa. Er hat jetzt also zwei mächtige Männer als gute Freunde. Wäre doch blöd, wenn gerade die Beiden anfangen zu streiten?

  • So weit, so grandios

Mit dem Fall der Mafia und der korrupten Gewerkschaft, geht auch der Weg von Frank Sheeran nach unten. Davor hat der Zuschauer jedoch schon über zwei Stunden geniales Kino hinter sich. Al Pacino als emotionaler Hoffa, Joe Pesci als ruhiger Mafia-Entscheider „Russell“ und natürlich Robert DeNiro als einfacher Mörder von nebenan. Wer auch nur eine Sekunde daran gezweifelt hat, ob die alten Herren noch schauspielern können, wird hier eines besseren belehrt. Ein Oscar für Pesci oder Pacino als bester Nebendarsteller wär absolut gerechtfertigt. Natürlich inszeniert Martin Scorsese das Ganze wieder mehr als gekonnt. Lange Szenen wechseln sich mit schnellen Montagen ab, die Kamera ist in Dialogsequenzen immer nah dran und der Look ist einem Mafia-Film würdig. Auch die digitale Verjüngungskur der Schauspieler ist gelungen. Ab und zu bewegen sich die alten Herren vielleicht nicht ihrem Film-Alter entsprechend, aber das ist zu verschmerzen und schadet nie der Immersion. Sets, Story Abschnitte und die Aufgaben der Figuren in den einzelnen Jahrzehnten wechseln so schnell durch, dass ich tatsächlich nicht einmal Langeweile empfunden. Ein einziges Mal habe ich mir den Fortschritt in der Laufzeit angesehen, aber diesen Anflug von Ermüdung wischte die darauf folgende Szene (Franks Auszeichnungsgala) wieder komplett weg. Sind also die 3,5 Stunden zu lange? Nein! Kann man das Ganze auch schneller erzählen? Auf jeden Fall! Ich konnte mich an diesen Film gar nicht satt sehen, muss aber auch zugeben, dass ein paar Minuten hier und da weniger den Streifen auch nicht geschadet hätten.

  • Arrivederci und Goodbye

Von einer Kürzung besonders getroffen wäre wahrscheinlich der Epilog, welcher locker alleine schon eine halbe Stunde einnimmt. Auch wenn Scorsese da einfach kein Ende findet, sind die Szenen unheimlich wichtig. Am Ende ist „The Irishman“ ein klassischer Mafia-Film, aber eben auch ein Abgesang auf das Genre. Wo andere Gangster-Epen vielleicht einfach mit dem Tod enden, zeigt dieser hier das Sterben und damit auch den Untergang der Faszination „Mafia“. Der Streifen schafft es eindrucksvoll gleichzeitig eine Lobeshymne auf das Genre zu sein und den Verfall seiner Charaktere zu zeigen. Nach der langen Laufzeit hat mich das nicht nur überrascht, sondern auch gefreut. Die Welt hat sich seit „Good Fellas“ weitergedreht und die Beteiligten sind zum Glück auch nicht stehen geblieben. Ich könnte jetzt das Haar in der Suppe suchen, darüber schreiben, dass der Film nichts revolutioniert, Al Pacino sich nicht wie ein 39-jähriger bewegt, der Film auch in drei Stunden hätte erzählt werden können. Wer das kritisiert, hat zwar meiner Meinung nach Recht, aber für mich waren diese Punkte nie ein „Dealbreaker“. Ich habe mich einen kompletten Nachmittag in dieser Welt verloren, habe mir die Geschichte aus Franks Geschichte mit einem breiten Grinsen angesehen, saß nach der letzten Szene noch ein paar Minuten in Ehrfurcht erstarrt auf der Couch rum und war am Ende froh, dass die Macher scheinbar wussten, wie sie einen Gangster-Film 2019 enden lassen müssen. In unserer Podcast-Folge wurde der Film mit Spätwestern verglichen und genau diese Definition passt zu 100%. „The Irishman“ ist Tribut und Abrechnung zu gleichen Teilen, perfekt geschauspielert von den Größen jener Zeit und inszeniert von einem größenwahnsinnigen Meisterregisseur. Kurz: Einer der besten Mafia-Filme seit der Pate-Trilogie!

The Irishman

5 Comments

  1. Bleibt die Frage: was war das nur für ein Fisch?

    Einziger Kritikpunkt für mich war -das klang auch bereits im Podcast an- die Musik. Diese anglo-romanische Schlagermucke fand ich echt anstrengend. Ansonsten, ein echter Filmgenuss 😊

    Gefällt 1 Person

    1. Stimmt, die Musik habe ich nur im Podcast erwähnt. Allerdings hat sie mich jetzt auch nicht über die volle Laufzeit gestört, nur dachte ich mir ab und zu „meh, das passt jetzt nicht so“.
      Vollkommen richtig, auch wenn durch dieses Siegel „3,5 Stunden“ wohl viele abgeschreckt werden.

      Gefällt 1 Person

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