Filmfest Mannheim-Heidelberg: Teil 2

Willkommen zum zweiten Teil meiner Filmkritiken vom Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg. Vorab sei gesagt, dass alle Filme in diesem Artikel zu empfehlen sind. Solltet ihr also mal die Geheimtipps auf einer Streaming-Plattform antreffen, zögert keine Sekunde. Das gilt auch für die Streifen aus dem ersten Bericht.

  • Roll the Drum! (OV: Tambour Battant)

Mein Lieblingsfilm des Festivals! Irgendwo im französisch-sprachigen Teil der Schweiz im Jahr 1970: Aloys ist der Dirigent der örtlichen Blaskapelle und wie in jedem Jahr versuchen sie, an einem regionalen Wettbewerb teilzunehmen. Dieses Mal spalten sich die Musiker jedoch auf. Die Traditionalisten bleiben dem Verein treu, während die Reformer sich mit Gastarbeitern, Frauen und dem neuen „coolen“ Dirigenten Pierre zusammen tun. Daraufhin entspringt nicht nur ein Krieg zwischen den beiden Gruppen, sondern auch zwischen den konservativen und den progressiven Kräften im Dorf. Bezeichnend dafür ist eine Szene, bei der die beiden Kapellen bei einem Umzug aufeinander treffen. Die einen spielen den altbekannten Marsch, die anderen das (heute wieder aktuelle) Partisanenlied „Bella Ciao“. Gerade diese Sequenz ist genial. Die Kamera wackelt sich durch das Getümmel wie in einem Kriegsfilm, nur kämpfen hier keine Gewehre, sondern Trompeten. Danach werden die „Schäden und Verluste“ aufgezählt und eine triumphale Rede soll für den nächsten Kampf stärken. Ihr seht also: „Roll the Drum“ ist nur nach außen eine wunderschöne „Feel-Good“-Komödie, welche an die guten alten Klassiker von Luis de Funes erinnert. Im Kern geht es um den Streit zwischen „Links“ und „Rechts“, bei dem beide Parteien irgendwann zu aggressiven Mitteln greifen. Einen Lösungsvorschlag bietet der Streifen übrigens auch. Viele Probleme lassen sich vielleicht lösen, wenn man die Anführer einfach nur lange genug in einen Weinkeller einsperrt…

Roll the Drum

 

  • The Swing Maker

Der chinesische Schwarz-Weiß-Film ist meine Empfehlung an alle, die schöne Bilder in melancholischer Stimmung lieben. Es geht um einen alten Arbeiter auf den Ölfeldern in China. Er ist eigentlich schon seit einer Woche in Rente, bleibt aber noch da, um seinen zwei „Azubis“ eine Schaukel in der tristen Landschaft zu bauen und um damit die Heimreise zu umgehen. Danach zieht er aber wieder in seine Heimatstadt zurück, wo ihn seine Frau und Tochter mehr oder weniger erwarten. Von den einsamen Ölfeldern in stressreiche City. Unser Protagonist ist jedoch die Art von Person, die einfach weiter macht, egal wie groß die Geldsorgen sind, wie schlaflos die Nächte sind, wie schlimm sich die Tochter verhält oder wie schlecht die Nachrichten vom Arzt ausfallen. Er macht einfach weiter, wie er es immer schon getan hat. Dabei erzählt der Streifen nicht die Vorgeschichte zu diesem kleinen Abschnitt den wir als Zuschauer erleben. Wir müssen anhand der Reaktionen uns selber ein Bild von der Situation machen. „The Swing Maker“ ist ca. 75 Minuten lang eine wunderschöne Reise mit einem warmherzigen, wortkargen und traditionsbewussten Menschen. Leider zerstören die letzten Minuten etwas das Bild. Ab da wirkt alles viel zu gehetzt und zu einem unnötigen Ende zusammengefasst. Diese letzten Sequenzen hätte man sich sparen können, als Zuschauer ist einem sowieso schnell klar, wo das alles einmal endet.

The Swing Maker

 

  • Duga, the Scavengers  (OV: Duga – Les charognards)

Manche machen ja vielleicht bei der „Filmreise“-Challenge mit und vielleicht fehlt euch da noch ein afrikanischer Film. Meine Empfehlung vom Filmfest kommt aus Burkina Faso und ist am ehesten als „Satire“ zu beschreiben. Laut dem anwesenden Regisseur, basiert die Story übrigens auf wahren Begebenheiten. Unfassbar, denn es geht um Rasmané, dessen alter Freund Pierre gestorben ist. Zusammen mit der Witwe, deren Tochter und einem örtlichen Fahrer geht die größte afrikanische Odyssee los, welche mir zumindest bekannt ist. Grund dafür: Die Leiche wird nirgendwo angenommen. Das Heimatdorf glaubt an ein schlechtes Omen, ins Leichenhaus können sie nicht mehr zurück, die Religionen verlangen eine Mitgliedschaft (natürlich noch zu Lebzeiten) und zwielichtige Sekten haben mehr Interesse an der Witwe, als an einer würdevollen Beerdigung. Zeitgleich wird ein Baby gefunden, ausgerechnet von einem der „Geier“ (so nennt man dort Menschen, die von der Gesellschaft als nutzlose Außenseiter angesehen werden und eher als Tagelöhner arbeiten). Das junge Leben macht jedoch genauso viele Probleme wie der alte tote Mann. Aus diesen zwei Grundgeschichten (die nur über die Charaktere verbunden sind), wird ein kurzweiliger und stellenweise ziemlich witziger Film erzählt. Auch wenn die Story ein paar Mal ins Stocken kommt und so wenige Längen entstehen, wird der Streifen besonders durch die Protagonisten sehenswert. Den sympathischen Figuren sieht man einfach gerne dabei zu, wie sie ihren Alltag bewältigen und die Probleme irgendwie lösen. Dabei ist es teilweise erstaunlich, wie nah sich Burkina Faso und Deutschland sind. Zwar wird hier wohl kaum jemand ein Baby im Busch finden oder mit einem Toten durch die Gegend fahren, aber Ärger mit Verwaltungen z.B. kennt wohl jeder von uns. Am Ende zünden recht wenig Gags so richtig, die Schauspieler agieren eher wie im Theater und eine abgerundete Auflösung gibt es auch nicht wirklich. Trotzdem: „Duga“ ist ein Film mit dem Herz am rechten Fleck, Charakteren voller Sympathie und ein interessanter Einblick in die afrikanische Kultur.

Duga the Scavengers

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