Filmfest Mannheim-Heidelberg: Teil 1

Zum letzten Mal fand das „Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg“ in diesem Jahr noch unter alter Führung statt. Bevor es aber soweit ist, bleibt erstmal alles beim Alten: Viel zu viele Filme, für viel zu wenig Zeit (und Geld; aber dazu später mehr). In diesem ersten Teil geht es um eine generelle Kritik am Festival und um die ersten zwei Reviews der gesehenen Filme.

  • Allgemeine Festival-Kritik

Bevor ich zu den Film-Reviews komme, möchte ich erstmal ein paar Worte zum Filmfest allgemein verlieren. In Mannheim und Heidelberg werden nur Newcomer-Regisseure vorgestellt. Also sind (im besten Fall) alle gezeigten Filme die Erstlingswerke der Künstler. Wie der Name schon verrät, setzt man vor allem auf eine Diversität in der Länderauswahl. Deutsche Filme werden eher auf dem Sommerfest auf der anderen (schlechteren!) Rheinseite präsentiert. Allerdings liegen die beiden Festival-Städte nicht direkt nebeneinander und auch allgemein unterscheiden sich die Standpunkte. Während Heidelberg mit einem großen Zelt mit geselligen Eingangsbereich im Industriegebiet lockt, ähnelt das Foyer im Stadthaus Mannheim eher einem Rentner-Kongress. Zwischendrin gibt es als dritten Ort auch noch das kleine Programmkino „Atlantis“ in Mannheim, welches auch ganz gerne mal aus allen Nähten platzt. Allgemein solltet ihr bei einem Besuch euch pro Tag auf eine Stadt einigen, denn sonst müsst ihr entweder mit dem Auto zwischen den Städten pendeln oder den Nahverkehr nehmen. Anders als z.B. bei Konzerten, gelten selbst die teuersten Tickets nicht für den Zugverkehr. Wenn wir schon beim Thema „teuer“ sind. Am günstigsten kommt ihr mit dem „Cineasten-Ticket“ weg. Für 80€ könnt ihr damit in jeden Film rein. Das lohnt sich aber nur, wenn ihr mehrere Tage dort verbringt. Einzeltickets gibt es für 10,50€, vergünstigt für 9,50€. Bei den Preisen wundert es kaum, dass man die meisten jungen Menschen eher hinter der Kasse beim Catering stehen sieht. Mir ist zwar bewusst, dass sich so ein Filmfestival irgendwie finanzieren muss, aber Preise über dem normalen Kino-Niveau sind dann doch kritikwürdig. Sonst möchte ich aber noch das diesjährige Programm hervorheben. Während in den letzten Jahren ein Fokus auf schwere Dramen aus Vorderasien gesetzt wurden ist, präsentierte sich die letzte Ausgabe unter der alten Führung deutlich breiter. Von Argentinien bis Afrika, von Japan bis Irland – Wer in andere Kulturen abtauchen möchte, ist hier genau richtig. Beim Inhalt der Filme hört die Freude am Experiment aber auf. Die Auswahl beschränkt sich auf „Drama“ oder „Komödie“. Natürlich gibt es auch hier viele Grautöne und unkonventionelle Streifen zu sehen. Dem „alten“ Mannheimer Publikum kann man aber natürlich keinen Horror-, Action- oder Zeichentrickfilm vorsetzten. Das hat ja nix mit Filmkunst zu tun! Aber mal ganz ohne Ironie: Durch diese Beschränkungen wirkt das Festival zwar stilsicher und man kann fast immer davon ausgehen, einen grundsoliden Film zu sehen. Gleichzeitig muss man sich den Vorwurf eines „elitären“ und „abgehobenen“ Festivals gefallen lassen.

 

  • The Humorist (OT: Yumorist)

Den ersten Film, den ich auf dem Filmfest gesehen habe, kommt aus Russland. Es geht um einen „Stand Up“ Comedian in der alten Sowjetunion. Dieser Mann ist eigentlich lieber Autor und privat hat er einen deutlich zu „schwarzen“ Humor, aber auf der Bühne bringt er mit seinen harmlosen und leicht satirischen Witzen sehr viele Menschen zum Lachen. Die Spiele des Systems macht er zwar mit und wirklich Lust auf Revolte hat er auch nicht. Jedoch brodelt es in ihm, endlich mal auf der Bühne härteren und kritischen Humor zu verbreiten. Dieser Drang wird im Laufe des Films gestärkt durch eine Sinneskrise, einem Comedy-Programm vom legendären Eddie Murphy und einer absurden Geburtstagsfeier. Anders als es der Titel vielleicht andeuten könnte, ist „The Humorist“ kein besonders lustiger Film. Der ein oder andere Gag zündet zwar (Beispiel: „Er redet nur noch von Weltraum und trinkt Wodka!“ – „Ah, endlich hat er die zwei Säulen der russischen Philosophie verstanden“), ganz allgemein handelt es sich bei den 100 Minuten eher um ein Drama mit leichten und teils auch verrückten Momenten. Getragen wird der Streifen von Hauptcharakter Boris (Alexey Agranovich), der schon fast am positiven Bill-Murray-Syndrom leidet: Spitze Zunge, genervter Blick und eine echte Sympathie-Figur für wahrscheinlich jeden Zuschauer. Sein komplettes Umfeld steckt aber in einer ähnlichen Misere. Privat wird sich über das System und über die Politiker lustig gemacht, nach außen muss das Bild der kommunistisch-überzeugten Patrioten immer bewahrt werden, weil die Angst vor dem KGB zu groß ist. „The Humorist“ ist auch einer der wenigen Filme, die im Laufe der Spielzeit immer besser werden. Ist der Anfang noch geprägt durch extrem langatmige Dialoge, wird das Ende zur innerlichen Zerreisprobe für den Protagonisten. Auf einer wirren Geburtstagsparty hat er nämlich die Wahl: Klappe halten und weiter gut leben oder Mund aufmachen und dafür den Tod in Kauf nehmen. Wer wissen will wie es ausgeht, sollte sich den Film unbedingt ansehen, die ersten ca. 20 Minuten durchhalten und dann einen großartigen Kinomoment 2019 erleben.

THe Humorist

 

  • Metal Heart

Ich bin ein einfacher Mensch. Da steht im Titel „Metal“ und dann muss ich den Steifen halt auch sehen. Rein von der Story hätte ich mir das Ganze aber zweimal überlegt. Irgendwo in Irland leben die Zwillinge Emma und Chantal. Die beiden sind aber weder äußerlich, noch vom Charakter her miteinander zu vergleichen. Emma ist „Goth“, will eine Band mit ihren besten Freund gründen und hasst alles „Normale“. Chantal hat einen Beauty-Blog, spart eifrig für ihren Business-Plan und hat einen dummen, aber natürlich sehr gut aussehenden Freund. Ja, die Grundprämisse ist wirklich voll bis oben hin mit Klischees. Jedoch gibt es auch Coming-of-Age-Filme, die damit sehr gut spielen und Klischees intelligent aufbrechen. „Metal Heart“ ist keiner davon. Mal die Story in Kurzfassung: Eltern fahren weg, Zwillinge müssen alleine klar kommen, Emma verliebt sich in den neuen Nachbarn, auf einmal macht die schlaue Emma dumme Sachen, die dumme Chantal macht auf einmal schlaue Sachen, Nachbar stellt sich als zwielichtiger Typ raus, Zwillinge entzweien sich, Zwillinge kommen wieder zusammen, alle haben was gelernt am Ende und die Party (welche irgendwo vorher mal erwähnt wurde) kann steigen. Das hört sich jetzt alles 08/15 an und so ist es auch. Allerdings auch nicht schlimmer. „Metal Heart“ weiß durchaus zu unterhalten und so ideenlos die Story auch ist, läuft sie über die Laufzeit von 90 Minuten smooth dahin. Wer Coming-of-Age Filme (gerade aus den 00er Jahren) mag und an einem verregneten Sonntag einfach einen netten Film sucht, ist bei „Metal Heart“ an der richtigen Stelle. Übrigens: Fans der härteren Musik werden extrem enttäuscht, im gesamten Steifen gibt es ganze zwei Gitarren-Riffs zu hören.

Metal Heart

10 Comments

  1. Vielleicht habe ich es überlesen, aber wie viele Tage läuft das Ganze denn und wie viele Filme werden gezeigt und wie viele kann man davon auch, realistisch betrachtet, sehen? Es wird ja sicherlich zeitliche Überschneidungen geben, außerdem käme noch der Aufwand der Reise von Kino zu Kino hinzu. Lohnt da wirklich der Kauf des Dauertickets?

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    1. Habe es extra nicht dazu geschrieben, weil das Festival schon vorbei ist und nächstes Jahr wohl unter neuer Leitung alles anders wird.
      Das Festival ging 10 Tage, Anzahl an Filmen weiß ich nicht (schätze mal so 50 Filme), alle werden ca. 6mal in dem Zeitraum gezeigt und somit kann man schon alle gucken, wenn man sich extra Urlaub nimmt 😀 Ich habe an zwei Tagen 5 Filme geschafft und da lohnt es sich nicht. Meine Verwandten und Bekannten in Mannheim haben sich aber das Dauerticket geholt und es lohnt sich so ab 8-9 Filmen

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      1. Das klingt, zumindest was die Preise angeht, fair. Aber ich hätte vermutlich das Problem, dassich mich nicht auf ein Kino festlegen könnte. Dann würde mich dies hin- und herfahren schon nerven.
        Gut finde ich, dass alle Filme mehrfach gezeitigt werden. Da kann man einigermaßen flexibel sein und entsprechend planen. Beim FFF in Hamburg werden alle Filme (auch ca. 50 in Zehn Tagen, aber nur ein Kino) nur ein Mal gezeigt, was es ohne Urlaub schwierig macht. Außerdem kann nich jeder schon um 13 Uhr Popcorn oder Cocktails vertragen 😊

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        1. Fair für Dauerkinogäste und Cineasten. Für Leute die einfach gerne mal so auf ein Filmfest gehen würden und damit sonst nix am Hut haben, sind die Einzeltickets schon teuer. Und ein Festival nur mit Cineasten will ja auch keiner 😀
          Stimmt, Popcorn um 13 Uhr ist schwierig…

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  2. Ich nehme Filmfestivals immer als elitär und snobistisch war, was gerade durch die Filmauswahl oft begünstigt wird. Das ist oft reines Kunstkino, weswegen ich die Festivals oft kaum beachte. Als Gegenentwurf fällt mir nur das Fantasy Filmfest ein…

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    1. Kommt drauf an wie man es aufzieht. Hier in Mainz z.B. war ich in diesem Jahr zwar nur Beobachter, aber da waren gefühlt mehr junge Menschen vor Ort. Lag halt an so sachen wie ein Drehbuch-Pitch-Wettbewerb in der Kneipe, Fritz Lang Sondervorführung, Kurzfilmwettbewerb usw.
      Und beim hier genannten Filmfest muss man unterscheiden. In Mannheim stimmen echt alle Filmfest-Klischees, in Heidelberg ist im Foyer schon mehr los, auch viele Studenten. Aber ich sag mal so, wer in Heidelberg studiert kann sich auch Filmfesttickets leisten 😀

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    2. Ja, das nehme ich auch so wahr. Das sind schon oftmals so Schickimicki-Veranstaltungen, mit Guestlist und solchem Kram. Auf den Listen stehen dann meist coole Typen/Typinnen, die durch irgendwelche Bekannte auf diese Listen gelangen, aber an Film nur bestenfalls peripheres Interesse und schon gar keine Ahnung haben.
      Weil ich keinerlei Connection zu den elitären Kreisen meiner Hansestadt habe, bin ich seit vielen Jahren ein regelmäßiger Besucher des FFF hier in Hamburg ☺️

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