Kritik: Joker

Todd Philips, der Regisseur von Hangover 1-3, hat die Origin-Story des berühmten Batman-Antagonisten verfilmt. Klingt nach der Ausgangslage für die Katastrophe des Jahres. Bei DC und Warner scheint jedoch irgendwo ein Licht aufgegangen zu sein. Gewalt um das Publikum anzulocken, Sozialkritik für die Award-Season. Dann hat noch irgendjemand einen alten Scorsese-Film gesehen und heraus kam „Joker“.

  • Blockbuster mit Hirn

Die 122 Minuten Laufzeit halten so einige Überraschungen bereit, die Story gehört jedoch nicht dazu. Wir sehen dem Verlierer und Psychopathen Arthur Fleck dabei zu, wie er zum Killer „Joker“ wird. Hin und wieder läuft auch noch der kleine Batman-Knirps rum, damit man als Zuschauer daran erinnert wird, hier eine Comic-Verfilmung zu sehen. Radiert man den Namen „Wayne“ nämlich aus dem Drehbuch, bleibt ein Drama zurück, welches inhaltlich voll in diese Zeit passt. Als Blockbuster ist er aber ein Gegenentwurf zum aktuellen Kino. Der Joker ist also nicht nur der Antagonist für Batman, sondern auch für Marvel. Solche Ereignisse wie in „Joker“ passieren nicht im MCU, dafür aber in der realen Welt. Chapeau also dafür an DC und Warner, aber zu früh sollte man auch nicht Jübelstürme ausarten.

  • Warum Mörder morden

Wenn wir uns den Film jedoch chronologisch betrachten, kann ich gar nicht anders, als noch weiter dieses Werk abzufeiern. Die erste halbe Stunde ist das vielleicht Beste, was ich im Jahr 2019 im Kino gesehen habe. Joaquin Phoenix spielt die Titelrolle überragend und so eigensinnig, damit bloß keiner auf die Idee kommt Vergleiche mit Heath Ledger anzustellen. Über die Frage „Wer ist der bessere?“ sollen sich die DC-Fans den Kopf zerbrechen. Tatsächlich versucht das Drehbuch alles nur Mögliche, damit nicht der einfache Weg eingeschlagen wird. Die Formel „Psychopath = Serienkiller“ wird hier nicht aufgeschlagen, obwohl es bei der Figur naheliegt und wohl dreiviertel der aktuell vielen Zuschauer auch schon gereicht hätte. Zum „Joker“ wird man nicht durch einen Gen-Defekt, durch ein paar Schrauben weniger in der Birne, durch einen schlechten Job, durch familiäre Umstände, durch Pech in der Liebe oder durch eine ausgrenzende Gesellschaft. Wenn jedoch alles zusammen kommt und ein Schlüsselmoment den Protagonisten in die Ecke treibt, dann kann die Verwandlung beginnen. Besonders die ersten Minuten haben einen klaren Fokus, welcher mir sehr gut gefallen hat und im Mainstream-Kino kaum Bedeutung hat. Wir sehen immer wieder Verlierer und Außenseiter als Hauptcharaktere, aber selten wird uns gezeigt, wie die reale Welt auf diese Menschen wirkt und welche Auswirkungen das haben kann. Die erste halbe Stunde von „Joker“ schreibt sich diese Thematik auf die Fahnen und hält uns als Zuschauer den Spiegel mit einem bittersüßen Lachen vor. Sollten wir den Clown auf der Straße wirklich auslachen?

  • Darf´s noch etwas mehr sein?

Die Charakterisierung des Arthur Fleck ist also gelungen, nur leider muss danach noch eine Geschichte erzählt werden. Damit bewegt sich der Film in die schlechtesten Minuten hin, welche eigentlich nur noch durch die fabelhaften Schauspielleistungen getragen werden. Der Fokus auf die anfänglichen Kernelemente geht verloren und es werden einige Fässer aufgemacht, die nie wirklich wieder geschlossen werden. So gibt es einen Zwischen-Plot um Batman-Senior, dieser ist jedoch Politiker und somit gelangt der Film auf eine politische Ebene. Durch die Taten des Joker entwickelt sich nämlich eine gewalttätige Demonstration, jedoch ist der eigentliche Clown noch mitten in seiner Verwandlung und hat eher mit häuslichen Problemen zu kämpfen. Gehen wir also wieder auf die persönliche Ebene zurück. Die Karriere als Stand-up-Comedian läuft bei Arthur nicht sehr gut, schuld daran ist seine Krankheit, über die er immer mehr erfährt und keine Hilfe bekommt, weil die öffentlichen Gelder gestrichen werden. Wieder zurück zu den großen politischen Fragen. Oder kehren wir doch besser in das kleine soziale Umfeld zurück, immerhin gibt es Stress auf der Arbeit. Im gesamten Mittelteil kann sich der Film nicht richtig entscheiden: Ist das Ganze hier ein kleines Drama mit großen Auswirkungen oder ein großes Politikum mit Auswirkungen auf die Kleinsten. Irgendwo aus diesem Wirrwarr hat Erzähl- und Problemsträngen entspringt dann endlich der Joker, den wir alle kennen.

  • Der schmale Grad

Versteht mich nicht falsch. Lieber führt ein Problem mehr als zu wenig zu der Serienkiller-Metamorphose. Die einfache und dumme Frage „Wer ist schuldig?“ wird hier genau richtig beantwortet. Es gibt nicht die eine Antwort und nicht das eine Problem was zu viel geworden ist. Der Joker ist ein Produkt seiner Umwelt, der Gesellschaft und seiner eigenen Störungen. Anstatt sich für diesen löblichen Werdegang selber auf die Schulter zu klopfen, wollen die Macher des Films aber mehr. Sie wollen das „Apocalypse Now“ der Superschurken-Filme sein und sowohl die einzelne Psyche, als auch das große politische Ganze, im Blick behalten. So leid es mir tut, doch daran scheitern die Macher. Um etwas Größeres zu schaffen, hätten die Referenzen und falschen Fährten nicht so offensichtlich sein dürfen, denn Subtilität wird hier nicht gerade groß geschrieben. Etwas mehr Raffinesse und Feinschliff hätte hier vielleicht wahre Wunder bewirken können. So auch am Ende, wenn eine Rede auch dem letzten Zuschauer das eigene Denken abnimmt, bevor die wirklichen Schlussmomente nochmal das Stöckchen der Interpretationsmöglichkeiten hinhält.

  • Fazit: Hätte, Hätte…

Todd Philips und sein Team hatten den richtigen Ansatz, die richtige Idee zur richtigen Zeit und gerade die erste halbe Stunde zeigt, welches enorme Potenzial hier gesteckt hat. Dann wird jedoch zu viel und zu offensichtlich erzählt. Trotzdem bleibt eine fantastische Origin-Geschichte mit einem genialen Hauptdarsteller und einem zeitgemäßen Look. Außerdem kann man nicht genug würdigen, dass ein Blockbuster solche hochaktuellen Themen auswählt und einem breiten Publikum vorsetzt. Der Film hat ein fantastisches Tempo und so wird einem auch im schwierigen Mittelteil nicht langweilig. Auch danach regt der Film zum Nachdenken an. Alleine die (meiner Meinung nach unsinnigen) Diskussionen um den Gewaltgrad zeigen, dass beim Zuschauer die Botschaften hängen bleiben, auch wenn jeder andere Aspekte aus dem Film für wichtig erachten wird. „Joker“ wurde am Ende nicht zum „Taxi Driver“ von 2019, aber der Versuch war es mehr als wert und „immerhin“ ist ein guter Film heraus gekommen, der unterhält, klare Haltung zeigt und es schafft, eine eigentlich immer gleiche Origin-Handlung zu etwas besonderen zu machen.

Joker

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