Kritik: Der Goldene Handschuh

Erscheinungsjahr: 2019

Herkunft: Deutschland

Regie: Fatih Akin

Heute gibt es mal wieder ein kleines Lebenszeichen von mir. Mit dem Rosenmontag endete die arbeitsreichste Zeit des Jahres, zumindest bis Dezember. Aber ich will nicht meckern, immerhin war der letzte Montag auch hinter der Theke ziemlich alkoholreich. Jetzt ist die Narren-Zeit nach gut 7 Wochen endlich vorbei und damit hatte ich endlich wieder Zeit fürs Kino! Die Wahl fiel, ihr könnt es euch denken, auf die Romanverfilmung „Der goldene Handschuh“.

  • Es war einmal ein Honk(a)

Deutschland Anfang der 70er Jahre: In der titelgebenden Kneipe treffen sich allerlei gescheiterte Existenzen. Eine davon gehört zu Fritz Honka, der in dieser Zeit zum Serienmörder wird. Regisseur Akin wirft uns in den Alltag von Honka, der eigentlich nur aus Alkohol, Lust nach Sex und sonstigen Problemen besteht. Die Hauptfigur ist wirklich kein Sympathieträger, aber darum geht es hier auch nicht. Direkt am Anfang sehen wir, wie der Psychopath seine erste Leiche zersägt und die Einzelteile entsorgt. Die Brutalität und der Ekelfaktor (für den der Film ja mittlerweile schon berühmt ist), werden dabei abwechselnd direkt in Frontalansicht gezeigt oder indirekt, wobei man sich dann selbst im Gedanken das Schlimmste ausmalt. Damit habe ich auch schon den scheinbar wichtigsten Punkt für viele angesprochen: Wie schlimm, eklig und „skandalös“ ist denn jetzt der goldene Handschuh? Dazu kann ich eigentlich nur sagen, dass ich kein Problem hatte, die Szenen auszuhalten. Leute mit schwachem Magen sollten aber vielleicht das ein oder andere Mal nicht hinschauen. Außerdem provoziert der Film nicht ohne Grund. Die Ausbrüche von Gewalt sind nicht nur Mittel zum Zweck, sondern Teil der Honka-Figur. Somit finde ich diesen Teil des Films passend und kann die ganze Aufregung nicht so ganz nachvollziehen. Ganz im Gegenteil: Das Look n´ Feel in diesem Film ist nicht nur gelungen, sondern besser als in jedem anderen deutschen Film der letzten Jahre.

  • Zwei Stunden in der Kneipe, aber Alkohol ist Böse!

Ein großes Lob geht raus an die Set-Bauer und die Requisite. In jeder einzelnen Szene strahlt dieser Film eine fantastische Authentizität aus. Gerade die Momente in der Kneipe „Goldener Handschuh“ sind pures Gold. Ich weiß nicht ob es daran liegt, dass ich eine solche Kneipe auch privat jeder Großraum-Disko und übervollen Party vorziehen würde, aber das Setting und die ganzen Nebencharaktere haben mir persönlich sehr viel Spaß gemacht. Das ging so weit, dass ich die Hauptgeschichte immer belangloser fand. Der Hamburger Kiez, die Figuren mit ihren unterkühlten, flapsigen Sprüchen und das Milieu von Deutschland in den 70er Jahren waren tausendmal interessanter als der ziemlich eindimensionale Protagonist. Ihr trifft eine große Stärke direkt auf die größte Schwäche des Films. Fritz Honka wird zwar unglaublich gut von Jonas Dassler gespielt, aber mit dem Thema „Alkohol“ gibt man dem Psychopathen einen viel zu einfachen Grund für sein Handeln. Das geht so weit, dass in den „nüchternen“ Szenen Honka zum sprichwörtlichen Engel wird, der die Frauen versteht und ein nützlicher Teil der Gesellschaft wird. Es wird also die einfache Rechnung aufgemacht, dass Alkohol, Zigaretten und Kneipenbesuche aus dem einfachen Mann ein wildgewordenes Tier macht. Dazu kommen noch ähnliche Szenen mit gleichen Moral-Vorstellungen. So wird in einer Szene die Wichtigkeit des Lernens in der Schule deutlich gemacht, weil man ohne Lernen sonst nichts wird. Nach diesem Satz sieht man das Leben eines Versagers, der ohne die Stabilität einer „guten“ Gesellschaft zum Massenmörder wird. Diese zu vereinfachten Gleichungen, die der Film immer wieder aufstellt, haben mir das Gesamtwerk ordentlich verdorben. Wirkliche Kritik an dem Lebensstil wird nämlich auch nicht geäußert. Fatih Akin feiert nämlich das Leben in der Kneipe ab, setzt dort seine interessante Nebencharaktere ein, gibt ihnen lustige Sätze zu sagen und kreiert die unterhaltsamsten Momente im ganzen Film. Alkohol kann die Menschen also ganz lustig machen… oder zum Serienmörder. Der moralische Kompass, wenn es denn mal einen gibt, ist in „Der goldene Handschuh“ ziemlich kaputt. Wie schon in „Aus dem Nichts“ hat Fatih Akin einen Film erschaffen, der den erhobenen Moralfinger zückt und gleichzeitig keine eigene Meinung bietet.

  • Halb gelungen

Leider kann ich nichts zur Romanvorlage sagen, aber der Film hätte die Kneipe aus dem Titel mehr zum Ausgangspunkt der Geschichte machen sollen. Genau hier liegen die Stärken, die besten Szenen und die interessantesten Charaktere. Im zweiten großen Setting  (Honka´s Wohnung) gibt es zwar auch großartige Momente mit Gewaltausbrüchen und hohem Ekelfaktor, aber in jeder Szene der Hauptgeschichte wird klar, dass dieser Film leider sehr wenig Tiefe bietet. Trotzdem ziehe ich am Ende ein überwiegend positives Fazit, schon alleine aus dem Grund, dass sich die Filmförderung in Deutschland auch an solche Werke traut. Immerhin hat der Streifen ein FSK 18 und das vollkommen zu Recht. Dazu kommt, dass „Der goldene Handschuh“ ein Film über deutsche Geschichte ist und mal nicht während der DDR- oder NS-Zeit spielt. In den besten Momenten kann man im Kino wieder etwas spüren, was mal als „Neuer Deutscher Film“ bekannt war. Mit einem größeren Fokus auf die Milieu-Studie und etwas mehr Tiefe des Hauptcharakters hätte „Der goldene Handschuh“ das deutsche Werk des Jahres werden können. So bleibt ein eher durchschnittlicher Film zurück, der aber einzelne überragende Szenen bietet.

goldenerhandschuh

10 Comments

  1. Also erstmal finde ich die Wahl bei der aktuellen Kinokonkurrenz nicht gerade die naheliegendste, auch wenn der Film mich schon interessiert, aber wo arbeitest du denn, wenn die arbeitsreichste Zeit des Jahres Karneval ist?
    Der Film kommt bei dir doch relativ gut weg, da habe ich schon enttäuschendere Reviews gelesen. Finde die Bandbreite der letzten Werke von Faith Akin interessant, die älteren Werke von ihm fand ich nicht so besonders, aber gerade Aus dem Nichts fand ich überragend

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    1. Ich wollte auch eigentlich in Green Book, aber der lief an dem Tag nicht abends. Alita und Beale Street standen auch noch zu Wahl, aber am Ende hat der Handschuh das Rennen gemacht 🙂 Ich arbeite in der Veranstaltungs- und Cateringbranche, Organisition und „vor Ort“. Hier in Mainz heißt das natürlich nur eins: Stress 😀

      Ich mochte ihn auch eigentlich sehr, aber Akin sucht sich oftmals den einfachsten Weg um komplexe Probleme zu beschreiben. Honka ist nur Böse weil er Alkohol trinkt und nur wer brav zur Schule geht wird erfoglreich – Das ist mir zu einfach und zu bieder. Ähnliche Probleme hatte ich auch bei Aus dem Nichts. Ich bin mal so frei und lass den Link zu meiner Kritik hier 🙂 https://apokalypsefilm.wordpress.com/2018/08/18/ver-piled-7-aus-dem-nichts/

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      1. Green Book hab ich am Mittwoch gesehen, den sollte man sich ansehen.
        Mainz ist ja auch eine der Karnevalshochburgen, auch wenn das für mich doch deutlich anders wirkt, als hier im Rheinland.

        Bei Aus Dem Nichts hatte ich das von dir geschilderte Problem nicht, den fand ich äußerst gelungen.

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        1. Wird noch nachgeholt (hoffentlich). Durch den Oscar-Gewinn bleibt der wohl noch für 1-2 Wochen in den Kinos.

          Dann kannst du es ja mal mit dem goldenen Handschuh versuchen. Ein fester Magen und vielleicht etwas Interesse für die 70er Jahre Zeit in Deutschland vorrausgesetzt. Alternativ: Das Buch und Hörspiel von Heinz Strunk soll wohl deutlich besser sein als der Film.

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          1. Davon gehe ich auch aus, in meinem Kino war der doch anständig besucht.

            Da hier kein Kino mehr The Hate U Give und Can You Ever Forgive Me zeigt, kämpft der mit Der verlorene Sohn, Beale Street, Hard Powder, Die Berufung, Alita und Glass und eigentlich auch Captain Marvel, aber der wird ja ewig laufen, darum mein nächster Kinobesuch zu werden.

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