Ver-piled #8: Vergessene Oscar-Filme 2018

„Get Out“, „Call me by your name“, „Die dunkelste Stunde“ und „Alles Geld der Welt“ haben eine Sache gemeinsam: Alle vier waren bei der diesjährigen Oscar-Verleihung nominiert. Irgendwas müssen diese Filme also sehr gut gemacht haben? Es war also höchste Zeit, die Filme nachzuholen und von meinem „Pile of Shame“ zu streichen. Die fehlenden Oscar-Filme („Phantom Thread“, „Lady Bird“ und „The Post“) kommen dann irgendwann anders.

  • Call me by your name

Ein Teenager aus reicher Familie verliebt sich in den Sommerferien in einen erwachsenen Mann. Mich hat also eine 147 minutenlange Liebesgeschichte irgendwo in Italien der 80er Jahre erwartet. Meine Skepsis war sehr groß und ein paar Befürchtungen haben sich auch bewahrheitet. Erst mal das offensichtliche: Eine schwule Romanze funktioniert natürlich genauso wie irgendeine andere. Wenn der Film die Absicht hatte, dies zu beweisen, dann hat er auf voller Linie überzeugt. Daran haben besonders die beiden Hauptdarsteller großen Anteil. Auf der anderen Seite: Wer tatsächlich den Beweis braucht, ob homosexuelle Liebe auch ergreifend sein kann, wird sich diesen Film eh nicht ansehen. Die Zielgruppe möchte eine herzliche Romanze voller „Up and Downs“ und „Call me by your name“ liefert genau das. Aber mal ganz im Ernst, dass hätte man auch in der Hälfte der Zeit erledigen können. Die Macher verlieben sich aber viel zu oft in die eigenen Bilder und vergessen dabei ihrem Film etwas Tempo zu verpassen. Dazu kommen die ausdauernden Gespräche zwischen Sohn, Vater und Liebhaber. Da geht es nicht um Liebe (zumindest bis zum tollen Ende), sondern um Kultur, Kunst und Geschichte. Wen sowas interessiert, wird wahrscheinlich an den Lippen der Protagonisten hängen. Mein Kopf hat da irgendwann eher ausgeschaltet. Alle Szenen sind jedoch großartig, welche die Liebesgeschichte der beiden voran bringen. Man merkt förmlich, wie die Verbindung der Beiden immer weiter wächst. Hätte man alles darum weggelassen, wäre ein toller Liebesfilm von 90 Minuten herausgekommen. So bleibt jedoch eher die Langeweile in Erinnerung.

Callmebyyourname

  • Alles Geld der Welt

Irgendwie wissen aktuelle Filme nicht, wann sie einfach zu lange dauern. Auch „All the Money in the World“ dauert über zwei Stunden, obwohl die Geschichte meiner Meinung nach viel weniger hergibt. Zugegeben, man kann auch über drei Stunden mit wenig Story füllen. Diese Kunst sieht man jedoch eher selten und dem Regisseur Ridley Scott traue ich das schon lange nicht mehr zu. Meine Befürchtungen haben sich auch als wahr herausgestellt. Der Film fängt gut an, die Charaktere werden ordentlich eingeführt und die Story entwickelt sich auch in die richtige Richtung. Nach dem ersten Drittel fehlt „Alles Geld der Welt“ aber jeglicher Schwung oder so etwas wie ein Spannungsbogen. Es gibt viele unnötige Szenen und die Charaktere drehen sich in der lahm erzählten Story immer wieder im Kreis. Auch bei den Darstellern gibt es Top und Flop. Während Christopher Plummer (der Kevin Spacey-Ersatz) fast den ganzen Film auf seinen Schultern trägt und seine Rolle fantastisch spielt, ist z.B. Mark Wahlberg eine komplette Fehlbesetzung. Der Rest so? Musik, Look, Kamera? Alles könnte man mit dem schönen Wort „joa“ zusammenfassen. Einzig die Ausstattung der Szenen (Italien der 70er Jahre) bleibt mir noch positiv in Erinnerung. Alles andere ist, im besten Fall, Hollywood-Durchschnitt.

AllesGeldderWelt

  • Get Out

Jetzt kommen wir zu dem Horror-Streifen von Jordan Peele, welcher für viele der Film des Jahres war. Zumindest auf mich wirkte es wie ein riesiger Hype und somit stand „Get Out“ spätestens nach dem Oscar-Gewinn ganz oben auf meiner To-See-Liste. Bei so einer Ausgangslage packt mich der Film so richtig oder wird dann doch etwas enttäuschend. Was soll ich sagen, es ist eher letzteres. Warum der Funke nicht ganz übergesprungen ist, kann ich auch nicht ganz erklären. Für mich ist „Get Out“ ein spannender Horror-Thriller, der dabei das ganze Spektrum von „unangenehmen Situationen“ bis „Blut und Abschlachten“ bietet. Dazu kommt noch eine Meta-Ebene, welche von vielen Kritikern besonders hervorgehoben wurde. Kann man so sehen, aber meine Erwartungen lagen dadurch jenseits von Gut und Böse. Auf meine Traumvorstellung traf dann die Realität, mit einem typischen Horror-Twist, einem Sidekick und einer Prise „Frankenstein“. Also kein Über-Film, aber in seinem Genre trotzdem ganz klar Überdurchschnittlich. Das liegt vor allem an der tollen Atmosphäre in den ersten zwei Dritteln und den überzeugenden Darstellern. Den Oscar bekam „Get Out“ aber fürs Drehbuch. Da hätte der Film eher in anderen Kategorien gewinnen sollen. Hört sich jetzt alles super schlimm an, aber am Ende hat mich der Film doch irgendwie überzeugt. Nur an die Erwartungshaltung kam „Get Out“ nicht ran.

GetOut

  • Die dunkelste Stunde

Kurz und schmerzlos: Der Oscar für Gary Oldman ist verdient und lange überfällig. Der Rest ist eher Standart-Ware. Es gab schon bessere und schlechtere Biopics. Die Geschichte von Winston Churchill im zweiten Weltkrieg wird interessant erzählt und spannend inszeniert, aber immer wieder verlässt mich der Film durch fragwürdige Entscheidungen. Auf der einen Seite will man die Story überzeugend erzählen (da stottert sogar der König historisch genau). In anderen Szenen übertreibt der Regisseur allerdings maßlos mit seinem „britischen Pathos“. Ich erinnere da an nur Churchill in der U-Bahn. Der Film wirkt einfach nicht aus einem Stück, sondern eher aus einzelnen Bausteinen zusammen gekloppt. Das verhindert zwar ein Desaster, aber „Die dunkelste Stunde“ kommt somit auch nie über das „Standart-Niveau“ hinaus. Gary Oldman muss dann mit einer richtig starken Leistung den Karren aus dem Dreck ziehen. Der Rest vom Cast, die Bilder, der Soundtrack usw. fallen alle nicht schlimm auf, bleiben aber auch nicht nachhaltig in Erinnerung. Damit bleibt das Fazit: Die Lebenszeit ist nicht vergeudet, aber „Darkest Hour“ ist auch nicht der neue Stern am Himmel der Biographien.

DunkelsteStunde

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