Review: Origami

Review_Origami

Beitrag zum Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg

Erscheinungsjahr: 2017

Herkunft: Kanada

Regie: Patrick Demers

Herzlich Willkommen zu meiner zweiten (und leider schon letzten) Review im Zuge des 66. Filmfestivals von Mannheim und Heidelberg. Den gestrigen Film habe ich ja schon für seine „Andersartigkeit“ gelobt und eigentlich geht es auch so nahtlos weiter. „Origami“ heißt der heutige Film und hat direkt mal ein großes Problem: Eigentlich sollte man absolut nix darüber wissen, bevor man nicht selber schon im Kino war. Folgerichtig werde ich meine Review in zwei Teile untergliedern (mit und ohne Spoiler).

  • Spoilerfrei: Absolute Überraschung

Gleich zu Beginn: Über die Story werde ich auch im spoilerfreien Teil absolut nix verraten. Ich zitiere da lieber mal den Regisseur, der zu Beginn zum Publikum sagte: „Es geht um Zeit, aber je weniger Sie wissen, umso besser“. Tatsächlich deckt sich dies mit dem offiziellen Programmheft des Festivals, in der ich nur raus lesen konnte, dass es um Zeitreisen geht. Ja, so kann man es auch formulieren… Der Film begann, ich lehnte mich zurück und erwartete entweder etwas sehr verrücktes oder etwas „zu künstlerisch wertvolles“. Ich hoffte ja auf ersteres. Nach über 90 Minuten bekam ich zwar nix von beidem, aber dafür einen richtig guten Film. Im Kino werde ich ja selten so richtig überrascht. Man sucht sich ja meistens die Filme aus, bei denen man schon davon ausgeht, dass sie einem gefallen werden. Die größte Überraschung ist dann eher, dass man am Ende doch eher enttäuscht wieder rausgeht. Es kommt selten vor, dass das Gegenteil eintrifft. Bei „Origami“ ist es aber passiert. Der Film wurde von Minute zu Minute besser, die schauspielerischen Leistungen sind alle fantastisch, die Geschichte wird ruhig erzählt und somit hat der Zuschauer Zeit, die Charaktere richtig kennen zu lernen. Besonders der letzte Punkt ist entscheidend für den Erfolg des Films. Bevor ich jetzt auf den Inhalt eingehe (bitte nicht lesen, wenn ihr den Film noch sehen wollt), kann ich nur jedem raten sich „Origami“ anzusehen, auch wenn die Möglichkeiten dazu bei so einem kleinen Film eher begrenzt sind.

  • Mit Spoiler: Wer rechnet denn damit?

Da sitzt man nix ahnend im Kino und freut sich auf den Zeitreise-Film und merkt etwa am Ende des ersten Drittels: Moment mal, hier geht es gar nicht um Zeitreisen! „Origami“ ist ein Drama und benutzt den Vorwand der Zeit nur, um dem Zuschauer eine andere Erwartung zu geben. Was soll ich sagen, es hat funktioniert! Wer den Film „The Voices“ kennt, weiß ungefähr wo das Ganze hinführt. Je nachdem aus welcher Sicht der Streifen gerade gezeigt wird, bekommt der Zuschauer einen anderen Eindruck mit. Am Anfang denkt man tatsächlich, bei „Origami“ handelt es sich um einen Zeitreise-Film, bei dem der Hauptcharakter David (mit Hilfe eines Japaners) durch die Zeit reisen kann und somit den Tod seiner Tochter verhindern kann. Wenige Minuten später ist David in der Nervenheilanstalt. Er hat seine Tochter bei großer Hitze im Wagen am Flughafen vergessen. Das Kind stirbt, David kommt in die Klinik, sein Vater versucht ihn zu unterstützten und seine Frau will nichts mehr von ihm wissen. Als David realisiert was er getan hat, entsteht bei ihm eine Depression, für die er Medikamente erhält. Die Lage scheint sich zu verbessern, doch David glaubt weiterhin daran, seine Tochter mit Hilfe der Zeitreise-Fähigkeit retten zu können. Als er die Medikamente absetzt, erscheint auch wieder sein japanischer Freund und alles scheint wieder Sinn zu machen für den verzweifelten Hauptcharakter. Für alle anderen zeichnet sich ein wahres Trümmerfeld ab, in dessen Mitte David steht und nicht mehr entkommen kann. Einen Film, der auf eine solche Weise die Themen „Depression“, „Verdrängung“ und „Schuld“ darstellt, habe ich in meinem Leben noch nie gesehen. Chapeau Herr Regisseur! Es ist ein schmaler Grat zwischen wirklichen Drama und über-inszenierten Mist, auf der „Origami“ wandert. Die rote Linie zur Lächerlichkeit wird hier aber nie überschritten. Ein paar kleine Fehler gibt es natürlich trotzdem. Keine Kritik ohne Kritik! Besonders haben mich ein paar Stilelemente etwas gestört. Das tut diesem tollen Filmerlebnis jedoch keinen Abbruch. Grundvoraussetzung dafür ist die eigene Erwartungshaltung an den Streifen. Stimmt diese, dann trifft einen der Film mitten ins Herz und kann damit seine Botschaft voll entfalten.

Wertung – Origami – 8,5/10

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